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Eröffnung: Freitag, 27. Juni 2008, 19 Uhr

Derek Jarman war eine Gegenkraft, aber von innen, aus dem Herzen der Kultur heraus. Tilda Swinton

Der Künstler und Filmemacher Derek Jarman (1942 1994) war wohl der herausragendste Vertreter des britischen Independent Cinema der 1970er bis -90er Jahre. Sein Leben verlief geradezu exemplarisch für diese Epoche, die er sehr genau beobachtete und an der er politisch aktiv teilnahm. In Jarmans genreübergreifendem, stark autobiographisch gefärbtem Werk überschneiden sich Film, Malerei, Bühnenbild und Schreiben.

Die Ausstellung Derek Jarman. Brutal Beauty, kuratiert vom Künstler und Filmemacher Isaac Julien, stellt Jarmans bekannter experimenteller Arbeit Blue und seinen Super-8-Filmen Gemälde und Assemblagen gegenüber, die teils noch nie gezeigt wurden. Die Schau bietet eine zeitgemäße Neubewertung von Jarmans Werk und Vermächtnis und verortet den Künstler als Grenzgänger zwischen Film und bildender Kunst.

Den Auftakt zur Ausstellung bildet Derek, der 2008 entstandene Dokumentarfilm von Isaac Julien über Leben, Kunst und nahendes Sterben von Derek Jarman. Der Film basiert auf einem Interview, das der Schriftsteller und Produzent Colin MacCabe 1990 mit Jarman geführt hatte. Als Erzählerin fungiert Jarmans Lieblingsschauspielerin Tilda Swinton, die in zahlreichen seiner Filme wie Caravaggio, The Last of England und Edward II mitgespielt hat und die ihm immer wieder Muse war. Tilda Swinton liest Auszüge aus einem Brief, den sie Jarman nach dessen Tod geschrieben hat. Derek verwebt Interview, Erzählung, Ausschnitte aus Jarmans Spielfilmen sowie seinen Super-8-Filmen mit einschlägigen Nachrichten der Zeit und Medienmaterial des aktuellen politischen Geschehens zu einem beeindruckenden Ganzen. Der Film vermittelt einen Überblick über Jarmans Biografie aus der Perspektive seines bevorstehenden Todes. Gleichzeitig entsteht ein Einblick in das England der 1960er bis 90er Jahre der gesellschaftlich brisante Themen wie die Punkbewegung, die Proteste der Intellektuellen gegen die Regierung von Margaret Thatcher, den Kampf der Homosexuellen für ihre Rechte und die AIDS Krise dokumentiert.

Den Schlusspunkt der Ausstellung bildet Jarmans außergewöhnlicher monochromer Film Blue, der 1993, ein Jahr vor seinem Tod, entstanden ist. Ein bewegendes und aufschlussreiches Porträt des Künstlers zu einer Zeit, in der er kurz vor dem Erblinden stand. Das Bild von Jarmans letztem Film bleibt 74 Minuten lang unverändert und ist als Hommage an den französischen Maler Yves Klein zu lesen, dessen Blau für Jarman Gelassenheit und Versunkenheit symbolisierte. Die Tonspur zum Film bildet ein poetischer von Jarman geschriebener und gesprochener Text, worin er seine Erfahrungen mit AIDS künstlerisch verarbeitet und wiedergibt.

Zwischen diesen beiden zentralen Arbeiten präsentiert Isaac Julien eine Auswahl der selten gezeigten Filme aus dem Super- 8-Archiv des künstlerischen Nachlasses von Jarman. Diese Installation wurde von Isaac Julien gemeinsam mit James Mackay, dem Inhaber des Archivs, kuratiert und umfasst auch mehrere Fassungen der Arbeit It Happened by Chance, die aus Tagebuch- und Überschussmaterial besteht, typisches Footage, aus dem Jarman gewöhnlich seine Super-8-Filme zusammensetzte. Als Künstler, der an der Slade School of Art in London studierte, begann Jarman bereits in den frühen 1970er-Jahren mit Super-8-Film zu arbeiten und experimentierte bis zu Beginn der Achtziger mit diesem Medium. 1986 kam er mit seinem Spielfilm Caravaggio in die engere Auswahl für den Turner-Preis. Jarman, der sich selbst zeitlebens primär als Maler begriffen hat, realisiert auch im Film in der Art wie er mit Licht, Farbe, Komposition, Abstrahierung, Verfremdung und Inszenierung umgeht seinen malerischen Anspruch.

Neben den Filmen präsentiert die Ausstellung einige von Jarmans zahlreichen installativen Arbeiten und Malereien: Die Bettinstallationen wurden erstmals 1989 in der Third Eye Gallery in Glasgow gezeigt: Das Nebeneinander von Matratzen und Seiten aus Christopher Marlowes Edward II. und Werken Platos mit Gedanken über die Liebe in der abendländischen Tradition verweist auf Jarmans Entschlossenheit, aus der gegenwärtigen sinnlichen Wirklichkeit ebenso Vergnügen zu ziehen wie aus der Geschichte der europäischen Kultur. Die späten Teergemälde erinnern an Arbeiten von Künstlern wie Joseph Cornell, Robert Rauschenberg und John Latham und ihren Einsatz von Montage und Collage. Diesen Gemälden wird eine Reihe von fotografischen Leuchtkasten-Arbeiten von Isaac Julien gegenübergestellt, die Jarmans berühmtes Haus, Prospect Cottage, und seinen Garten in Dungeness in Kent dokumentieren, wo er ab 1987 lebte.

Konzipiert und kuratiert von Isaac Julien Kuratorin Kunsthalle Wien: Angela Stief KUNSTHALLE wien, Derek Jarman, 2. Pressetext, Juni 2008