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JOHANNA DIEHL - IN DEN FALTEN DAS EIGENTLICHE
29. NOVEMBER 2019 – 23. FEBRUAR 2020

Johanna Diehl: OBJEKT I (Kostümteil aus der Inszenierung „Hänsel und Gretel“ von Johann Kresnik. Raum/Kostüm: Penelope Wehrli. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin. Uraufführung: 24.11.1995), 2019, aus der Serie Dead Dad Wild Country, Fine Art Print, 67 x 54 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerie Wilma Tolksdorf Frankfurt/Berlin

„Wer einmal den Fächer der Erinnerung aufzuklappen begonnen hat, der findet immer neue Glieder, [...] kein Bild genügt ihm, denn er hat erkannt: es ließe sich entfalten, in den Falten erst sitzt das eigentliche [...].“ (aus: Walter Benjamin, Passagenwerk)

Ende November 2019 eröffnet das Haus am Waldsee eine erste Einzelausstellung mit der in Berlin lebenden und international vielfach ausgezeichneten Architekturfotografin und Künstlerin Johanna Diehl (*1977). Frei nach Walter Benjamin entwickelt sie ihre Arbeit von Anfang an aus dem Gedanken heraus, dass das Eigentliche der Geschichte in den Falten der Erinnerung steckt. Diehl spürt das Verborgene im jüngeren Gedächtnis Europas auf. Sie findet zu überzeugend klaren Bildern und überraschenden Präsentationsformen. Für die Ausstellung, die durch den Hauptstadtkulturfonds ermöglicht wird, sind im Rahmen ihrer neuen Serie „Alienation“ zwei neue Filmarbeiten entstanden.

In früheren, groß angelegten Bildserien ging es der Künstlerin um die Erkundung architektonischer Zeugnisse wie Synagogen, die halb zerstört zu Sporthallen, Kinos und Fabriken umgewidmet, in Osteuropa von vergangenen geopolitischen Konflikten erzählen. Dabei stand die Frage nach der Identität eines heutigen Europa sowie nach der Überschreibung von Geschichte, die in Räumen lesbar wird, im Vordergrund.

In jüngeren Serien rücken biografische Bezüge in den Vordergrund. Besonders beschäftigt Diehl die über mehrere Generationen bis heute nachwirkenden Traumata des Zweiten Weltkriegs, die sie anhand kultureller Archive der BRD-Nachkriegszeit bearbeitet. Für die Ausstellung im Haus am Waldsee sind neue Teile der Serie „Alienation“ (Entfremdung) entstanden, die sich aus Archiven der eigenen Familie speisen.

Nach Durchsicht der auf sie gekommenen Nachlässe und ausführlichen Studien in öffentlichen Archiven konstatiert Diehl emotionalen Mangel innerhalb der Familien sowie die weitgehende Verleugnung der Nazivergangenheit in den ersten Dekaden nach 1945. Anhand von Primärquellen wie Familienfotos und Tagebüchern, sowie der Inszenierung „Mars“ von Johann Kresnik 1983 in Heidelberg hat sie sich intensiv mit den Auswirkungen auf das seelische Umfeld auseinandergesetzt. Den weltweit rezipierten biografischen Bericht von Fritz Zorn, der ein Jahr nach dessen frühem Krebstod 1977 erschien, fand sich auch in der Bibliothek ihres Vaters, der Anfang der 1980er Jahre freiwillig aus dem Leben schied.

Den Auftakt bildet „Prelude“, eine Hängung, die neue Arbeiten wie „MARS“, „Dead Dad Wild Country“ und „Broken Repertoire“ vorbereitet und sich inhaltlich auf Fritz Zorns biografische Beichte „Mars“ aus dem Jahr 1977 bezieht. Darin weist der Schweizer Autor auf die Belastungen der Elterngeneration durch Nichtkommunikation hin, was in Einzelfällen zu Krankheit und Tod der Jüngeren führte.

Der zweite Teil der Schau gibt im Obergeschoss des Hauses am Waldsee eine komprimierte Werkschau als dichten Überblick über das bisherige Werk von Johanna Diehl. In jeder der gezeigten Werkgruppen – „Utopie / Eurotopians“, „Alienation“, „Marini / Fallender Reiter“, „Italien / Fascismo / Modernismo“ und „Ukraine Series“ – entstehen neue Fragestellungen zu Konflikt und Identität. Die Hängung gibt zuweilen Serienzusammenhänge zu Gunsten von Themen-Archipelen auf. Durch die Polyphonie dieser besonderen Hängung wird der Versuch unternommen, „Visuelles Begreifen“ erfahrbar zu machen. Ein Begriff, den der Großonkel der Künstlerin, Arnold Bode geprägt hat, der 1955 in Kassel die documenta gründete.

Mit dem Begriff „Visuelles Begreifen“ meint er einen Umgang mit Bildern, der das Denken als dialogisches In-Bezug-Setzen versteht. Dabei bilden sich nicht nur Bedeutungsbezüge innerhalb einer jeweiligen Werkgruppe. Stattdessen treten übergreifend alle angebotenen Themen miteinander in Dialog.

Johanna Diehl wurde 1977 in Hamburg geboren. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Diehl studierte Fotografie und Bildende Kunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Timm Rautert, Boris Mikhailov und als Meisterschülerin bei Prof. Tina Bara sowie an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris bei Christian Boltanski und Jean-Marc Bustamante. Ihre Arbeiten werden in nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt (Bucerius Kunst Forum, Hamburg, Anderson Gallery Buffalo/NY, Pinakothek der Moderne München, Akademie der Künste, Berlin, Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe, Multimedia Art Museum, Moskau) und befinden sich in der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, der Stiftung für Fotografie und Kunstwissenschaft Ann und Jürgen Wilde, der DZ Bank Kunstsammlung und in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sowie der Sammlung der Pinakothek der Moderne in München. Die Künstlerin erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, u.a. Stiftung Kunstfonds, Bonn, Akademie Schloss Solitude, Stuttgart, Konrad-Adenauer-Stiftung (EHF), Berlin und der deutschen Akademie Villa Massimo (Casa Baldi) in Rom.

Kuratiert von: Katja Blomberg und Johanna Diehl

Katalog in Deutsch und Englisch mit einem Beitrag von Annette Tietenberg. Verlag der Buchhandlung Walther König.