press release

Matti Braun Ku Lak
17.01.2020 - 22.02.2020

Esther Schipper freut sich Ku Lak, die sechste Einzelausstellung von Matti Braun mit der Galerie anzukündigen. Die Ausstellung umfasst 16 Werke einer neuen Serie von Seidenarbeiten und etwa 25 neue Glasarbeiten, die auf drei vom Künstler entworfenen runden Tischen präsentiert werden.

Matti Brauns Praxis ist geprägt von einer ständigen Verhandlung zwischen konkreten Bezügen und weitreichenden Verweisen, zwischen poetischer Vergänglichkeit und einer fast beunruhigenden sinnlichen Unmittelbarkeit. Sein Werk untersucht die unerwarteten, oft wenig bekannten Auswirkungen kulturübergreifender Dynamiken und macht Muster künstlerischer Migrationen und kultureller Verkennung sichtbar.

Seit 2014 entwickelt Matti Braun Seidenarbeiten mit nahtlosen Farbabstufungen in leuchtenden Pastellfarben und später in kräftigen, tief gesättigten Farbkombinationen. Die neue Werkgruppe bildet einen Abschluss dieser Serie: Mit ihren Verläufen zwischen Hell- und Dunkelgrau kehrt Braun zu den selbstauferlegten Grenzen eines schwarz-weißen Farbschemas zurück, das in seinen frühen Batikarbeiten erforscht wurde, aber mit der fast üppig anmutenden Sinnlichkeit seiner jüngsten Serie auf geschmeidiger, fein gewobener Seide.

Das Produktionsverfahren von Brauns Gemälden hat seine Wurzeln in der Erforschung und Aneignung traditioneller Techniken der Textilherstellung, vor allem solcher, die für religiöse oder rituelle Zwecke verwendet werden. Während seine früheren Patola- oder Batikserien Hinweise auf die ikonographischen Spuren ihrer Quellen enthielten, tun die neueren Gemälde dies nicht. Anfänglich auf Rohseide, enthielten diese Serien bunte Passagen oder kreisförmige Farbflächen, die an die Malerei der post-painterly Abstraktion denken ließen. Die nahtlosen Farbverläufe der späteren Seidenarbeiten, jetzt auf glatten, fein gewebten Seidenpaneelen, verwenden entweder eine sehr reduzierte oder eine ausgesprochen gesättigte Farbpalette.

Gleichzeitig verweist die Graustufe dieser neuen Serie von Seidenarbeiten auch indirekt auf Brauns Interesse am Beton, den er immer wieder in einzelne Werke und auch in seine Ausstellungsarchitekturen integriert hat. Darüber hinaus können die grauen Modulationen an die Farbgebung von Schwarz-Weiß-Fotografien und Archivbildern erinnern, die in der Praxis des Künstlers eine wichtige Rolle spielen.

Während das reduzierte Farbschema der Ausstellung die Spannung zwischen Serialität und Einzigartigkeit hervorhebt, verbirgt sich hinter der scheinbaren Leichtigkeit und formalen Einfachheit der Arbeiten ein Prozess, der ein hohes Maß an Kontrolle voraussetzt, aber dennoch unkontrollierbare Ergebnisse produziert. Auf diese Dichotomie verweist auch die neue Serie von Glasarbeiten. Die mundgeblasenen Glasobjekte, die in traditionellen Glashütten unter der Aufsicht des Künstlers hergestellt wurden, spielen mit ihrem hybriden Status als Skulptur und handwerklichem Produkt und mit der Spannung, die traditionell zwischen diesen beiden Produktionsbereichen - der Kunst und dem Handwerk - besteht. Die lichtdurchlässigen Glasobjekte erinnern an Augen, insbesondere an die hervorstehenden "Bug-eyes", die in populären Darstellungen der übertriebenen Physiognomie außerirdischer Wesen zu finden sind. Jede dieser Arbeiten wird durch spezifische Eigenschaften ihrer Materialität und Ausführung bestimmt, aber ihre endgültige Form, die exakten physikalischen Eigenschaften und ihre spezifische Farbe manifestieren sich erst vollständig, wenn das Glas ausreichend abgekühlt ist.

Gleichzeitig greifen Matti Brauns Glasarbeiten auch auf ein dichtes Netz von Referenzen und Assoziationen zurück, das für die Praxis des Künstlers charakteristisch ist: Eine frühe Glasarbeit wurde in seiner Inszenierung seines Theaterstücks The Alien (basierend auf dem nicht realisierten Filmprojekt von Satyajit Ray, das Steven Spielbergs Film E.T. inspiriert haben soll) als Requisite verwendet. Auf der materiellen Ebene besteht Glas zudem letztlich aus Sand—einem weiteren wiederkehrenden Element in Brauns Ausstellungen—und es ist farbecht. Die Farbe eines tausende Jahre alten Glassplitters verblasst weder noch verfärbt sie sich. Auch die Farbe der Skulpturen von Matti Braun wird bis in ferne Zukunft erhalten bleiben und, vergleichbar mit zeitreisenden Besuchern, dort außerhalb der Kontrolle des Künstlers über ihr Schicksal und ihre Interpretation existieren.

Die Projekte von Matti Braun sind oft um ein konkretes Beispiel der Aneignung herum konzipiert und gehen von einem weitgespannten Netz interdisziplinärer Assoziationen aus. Seine neue Monographie, die im Februar 2020 bei Snoeck erscheint, umfasst seine künstlerische Produktion der letzten zehn Jahre und ist paradigmatisch für diesen Ansatz. Ausgangspunkt der Publikation ist die Auseinandersetzung des Künstlers mit den vielfältigen Zusammenhängen des Werkes von Rabindranath Tagore, Vikram Sarabhai oder Satyajit Ray, und indischer und bengalischer Science Fiction. Die zugrunde liegende narrative Logik solcher Zusammenführungen historischer, kultureller und biographischer Bezüge dient nie zur Erklärung einzelner Kunstwerke, sondern zeigt vielmehr deren Polysemie auf. So geht es in Brauns Werk um die Unfähigkeit von Objekten die Bedeutung, die wir ihnen aufbürden zu transportieren - und um die Vielfalt der Interpretationen, mit der persönliche und kulturelle Erfahrungen unsere Wahrnehmung prägen. Seine Verweise sind nie illustrativ oder didaktisch, sondern machen die kulturelle Entwicklung eines Objekts und die Mechanismen einer gegenseitigen kulturellen Beeinflussung sichtbar.

Matti Braun wurde 1968 in Berlin geboren. Er studierte an der Städelschule, Frankfurt und an der Kunsthochschule Braunschweig (HBK). Der Künstler lebt und arbeitet in Köln. 1994 wurde Braun mit dem Peter-Mertes-Preis des Bonner Kunstvereins und 2004 mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Bildende Kunst ausgezeichnet.

Zu den institutionellen Einzelausstellungen des Künstlers gehören: A Lost Future: Matti Braun, The Rubin Museum of Art, New York (2018-19); Lak Sol, Kunstverein Heilbronn, Heilbronn (2016); Gost Log, Arnolfini, Bristol (2012); Salo, Kunstverein Braunschweig, Braunschweig und La Galerie - Contemporary Art Center, Noisy-le-Sec (2010); Kola, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz (2009); Özurfa, Museum Ludwig, Köln und Museion - Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, Bozen (2008).

Braun's Werk ist unter anderem in den folgenden Sammlungen vertreten: Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, Berlin; Finnish National Gallery, Helsinki; Kunstmuseum Liechtenstein, Liechtenstein; Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen; Museion - Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, Bozen.