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Im Rahmen der Ausstellung

Dienstag, 14. Mai 2019, 19 Uhr
Be-greifbare Interaktion – Materialität und Körper in der Mensch-Computer-Interaktion
Vortrag von Dr.-Ing. Tanja Döring

Im Zeitalter des „Ubiquitous Computing“ – der allgegenwärtigen Einbettung von Computersystemen in unsere Umgebung – werden Physisches und Digitales immer enger miteinander verflochten. Für die Gestaltung der Interaktion mit technischen Artefakten bedeutet dies, dass nicht mehr vorrangig Software sondern immer stärker auch der menschliche Körper, physische Objekte und das Material des Interface im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. In ihrem Vortrag erläutert die Informatikerin Tanja Döring Leitbilder und Strategien des Interfacedesign im Forschungsfeld Be-greifbare Interaktion und diskutiert diese anhand von Beispielarbeiten.
Dr.-Ing Tanja Döring forscht und lehrt im Bereich Mensch-Computer-Interaktion am Digital Media Lab an der Universität Bremen. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Tangible Interaction und Materialität, Gesteninteraktion, mobile Interaktion und interaktive Oberflächen. Sie ist Sprecherin der Fachgruppe „Be-greifbare Interaktion“ der Gesellschaft für Informatik und engagiert sich in Programmkomitees sowie als Gutachterin internationaler Tagungen und Zeitschriften. Ihre Dissertation über eine Materialperspektive auf Mensch-Computer-Interaktion wurde ausgezeichnet mit dem Dissertationspreis der Fachgruppe CSCW & Social Computing der Gesellschaft für Informatik und des Internationalen Instituts für Sozio-Informatik für hervorragende Ergebnisse bei der Erforschung von Anwendungen der Informatik in sozialen Systemen. Von 2008 bis 2011 war Tanja Döring wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl „Pervasive Computing and User Interface Engineering“ an der Universität Duisburg-Essen. Tanja Döring hat in Hamburg und Valladolid (Spanien) Informatik und Kunstgeschichte studiert.

Vorher, um 18 Uhr Kuratorinnenführung mit Anna Voswinckel und Nadja Quante
Eintritt frei!

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Ausstellung

Tender Buttons
Nadja Buttendorf, Christin Kaiser, Stephanie Kiwitt, Luise Marchand, Florian Meisenberg, Julien Prévieux, Jimmy Robert, Frances Scholz, Pilvi Takala

13.04.2019 — 10.06.2019
Eröffnung: Freitag, 12.04.2019 19:00 Uhr

Der Tastsinn ist in der Philosophie- und Kulturgeschichte eng mit der Erkenntnis und dem Be-greifen der Welt, dem Verhältnis von Subjekt und Objekt, den Grenzen des Körpers und der Unterscheidung des Humanen vom Inhumanen verbunden. Bei der Handhabung taktiler Displays, durch Fingerabdruckerkennung, smarte Oberflächen und in der gestischen Bedienung von Geräten durch Touch, Swipe, Pinch und Zoom, etc. wird der menschliche Körper selbst zum Interface, zum Knopf. Welche Auswirkung hat dies auf unsere Körperwahrnehmung und unsere Vorstellung von Innen und Außen? Wie beeinflusst die verstärkte Inanspruchnahme des Tastsinns unser Verhältnis zu zwischenmenschlicher Berührung?
Die unter dem Titel Tender Buttons versammelten Arbeiten umfassen Fotografie, Video, Installation und Skulptur und zeigen gegenwärtige Ideen, Gesten und Bilder der Berührung auf. Sie richten die Aufmerksamkeit auf Berührung als Interaktion im Kontext von zwischenmenschlicher Kommunikation, gegenwärtigen Kommunikationsmedien und Computertechnologie sowie auf virtuelle Formen von Berührung.
So untersuchen Christin Kaiser und Luise Marchand auf unterschiedliche Weise das Verhältnis zu Objekten, mit denen wir alltäglich in Kontakt kommen. In Marchands Bildsprache spiegelt sich die Idealisierung und Optimierung der Mensch-Produkt-Interaktion hautnah wider. Ihre Fotoserie COPE III (2018/2019) zeigt Close-ups von vertrauten Berührungen zwischen Körper- und Objektoberflächen, während Christin Kaiser sowohl in ihrer Arbeit Zwinge (2018/2019) als auch in der Fotoserie Smart Body (2014) die Relation von menschlichem Körper und den uns umgebenden Objektkörpern in den Blick nimmt.
In ihrer fotografischen Studie Aanwervingslokaal (2018/2019) dokumentiert Stephanie Kiwitt die Umstellung des Anheuerns der Dockarbeiter im Hafen von Antwerpen vom Anheuern vor Ort zum digitalen Verfahren per ipad von zuhause aus und verweist damit auf die sozialen Implikationen, die diese Transformation mit sich trägt.
An den Schnittstellen von digitaler Kultur, Design und Technikgeschichte bewegt sich Nadja Buttendorf. In ihren Videos, Performances, Installationen und Online-Interventionen greift sie Praktiken der „Prosumer“-Kultur auf, bei denen Konsumprodukte angeeignet und individuell verändert werden, um Fragen von Körperlichkeit und Gender zu verhandeln. Ihre Videoserie Soft Nails (2016) spielt auf humorvolle Weise mit der Ästhetik von Kosmetikwerbung und Beauty- Tutorials auf Social Media-Kanälen.
Florian Meisenbergs Video Wembley, farewell my Concubine (2013) deutet auf die Verschiebung sinnlicher Wahrnehmung in Verbindung mit digitalen Oberflächen. Ist Berührung auch über Bildschirme hinweg möglich? Reicht die Geste, jemanden berühren zu wollen, und die dazugehörige Vorstellung, berührt zu werden, vielleicht schon aus?
Auch Frances Scholz’ Arbeiten zu Mary Temple Grandins „hug-“ oder „squeeze machine“ thematisieren die Wirksamkeit von Wirklichkeit und Imagination, von physischer und virtueller Berührung und bringen sie in Verbindung mit der Frage nach der Wirksamkeit von Abbildung.
Ist die Bildschirmoberfläche eine andere Form von Haut? Damit befasst sich Jimmy Robert, wenn er Papier oder den Fotodruck als poröse Materialien betrachtet, die wie unsere Haut atmen. Seine Collage Untitled (Escape) (2016) verweist auf die Distanz zwischen unserer Haut und den Apparaten, mit denen wir uns in einer konstanten digitalen Beziehung befinden.
Die gestische Sprache, die aus diesen Interaktionen mit Maschinen und technologischen Objekten entsteht – wie beispielsweise die Slide-to-Unlock-Bewegung zum Aktivieren von Smartphones – zeigt Julien Prévieux in der Videoarbeit What Shall We Do Next? (Sequence #1) (2007–2011). Der Künstler sammelte die patentierten Bewegungen als ein Archiv zukünftiger Gesten.
Mit persönlicheren Berührungen beschäftigt sich Pilvi Takala in ihrem Video The Stroker (2018): Takala posiert darin undercover als Wellnessberaterin von Personnel Touch, einer Firma, die angeblich von einem Coworking Space engagiert wurde, um Berührungen am Arbeitsplatz anzubieten. Die Reaktionen der „Angefassten“ erscheinen wie eine Entfremdung von der zwischenmenschlichen Kommunikation. Im transparent gestalteten und scheinbar offenen Raum werden Grenzen verhandelt, wo es scheinbar keine mehr gibt.
Die Künstler*innen der Ausstellung Tender Buttons fokussieren die Schnittstellen von Körper und Technik, die Übergänge von Subjekt und Objekt und werfen letztendlich die Frage nach der Virtualität – das heißt nach der Möglichkeit – von Kommunikation auf.

Die Ausstellung ist die Fortführung des Ausstellungsprojekts TOUCH, das im Herbst 2018 in der nGbK in Berlin stattfand. Kuratiert von Nadja Quante und Anna Voswinckel

Mit freundlicher Unterstützung durch die Karin und Uwe Hollweg Stiftung