skulptur projekte münster 07


Interview mit Brigitte Franzen

Fragen von kunstaspekte an Brigitte Franzen, eine der KuratorInnen der "skulptur projekte münster 07" (17.06.07 - 30.09.07). Brigitte Franzen ist auch Kuratorin für Gegenwartskunst am Westfälischen Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte in Münster. Die Fragen stellte Lothar Frangenberg für kunstaspekte.

kunstaspekte: Wofür stehen für Sie die Stadt und der Stadtraum "Münster" als "Untersuchungs-Raum" angesichts der globalisierten Entwicklungen, die auch unter Begriffen wie "Megacities" und "Shrinking Cities" vielfach thematisiert werden?

Brigitte Franzen: Münster ist keine Mega und auch keine Shrinking City, sondern eher die andere Seite der Medaille, dabei aber genauso beispielhaft. Münster ist eine prosperierende Stadt mit ca. 300.000 Einwohnern, typisch europäisch, sehr studentisch und ideal als Bühne und Labor für Skulptur Projekte. Die Stadt ist in ihrer Struktur sehr lesbar, historisch, architektonisch und kulturell, sie weist alle Merkmale einer mittleren Großstadt auf und hat dennoch etwas Bilderbuchhaftes und damit Exemplarisches.

kunstaspekte: Nach welchen Kriterien treffen Sie die Künstlerauswahl? Hängt sie auch von gestalthaften Intentionen der beteiligten KuratorInnen ab?

Franzen: Die Künstlerauswahl orientiert sich an unserem Untersuchungsgegenstand. Von Anfang an war Skulptur Projekte eine Ausstellung, die die Gattung Skulptur auf Ihren spezifischen Charakter und ihre Aktualität hin befragt hat. Unser zeitlicher Rahmen von jeweils zehn Jahren Abstand zwischen den Ausstellungen ist an sich schon einmalig. Dieser Rhythmus garantiert jeweils völlig veränderte räumliche und gesellschaftliche Bedingungen. Der Charakter der Langzeitstudie war für uns diesmal ein wichtiges Kriterium von mehreren; die Frage nach dem aktuellen Verhältnis von Kunst und Öffentlichkeiten ein anderes. Daraus resultiert die Breite der Einladungen an Künstler die bereits ein Mal oder mehrfach teilgenommen haben und deren künstlerische Position innerhalb der Skulptur für uns unverzichtbar ist: Isa Genzken, Thomas Schütte, Michael Asher beispielsweise. Daraus resultieren aber auch solche Positionen, die diesmal unbedingt dabei sein sollten, wie Rosemarie Trockel und Martha Rosler, Andreas Siekmann, Dominique Gonzalez-Foerster, Manfred Pernice und solche, die jünger oder unbekannter, oder in ihrer Vorgehensweise besonders sind, wie Tue Greenfort, Maria Pask, Gustav Metzger, Dora Garcia. Neu ist diesmal, dass wir auch vier filmische Projekte eingeladen haben, weil uns das Medium in seiner Beobachterperspektive auf den städtischen Raum gerade besonders aktuell erscheint. Clemens von Wedemeyers Projekt ist dafür ein Beispiel.
Die Behauptung eines Eigenwertes und spezifischen Erkenntnisinteresses von Kunst an sich spielt in den heutigen gestalterisch und visuell überdeterminierten Innenstädten eine weitere große Rolle. Wir wollen keine Thesen beweisen, sondern die Kunst zu Wort kommen lassen.

kunstaspekte: 
Sie formulieren als eine der wichtigen Fragestellungen des Projektes: Was ist (sind) Öffentlichkeit(en)? Können Sie uns diese Fragestellung - auch in Bezug auf den Stadtraum - näher erläutern?

Franzen: Öffentlichkeiten sind heute äußerst divers und gruppenspezifisch wandelbar. Die demokratische Öffentlichkeit an sich als gesellschaftliches Regulativ existiert heute nicht mehr als eine sich im öffentlichen, d.h. gemeinsam genutzten und sich in allgemeiner Trägerschaft befindenden Raum. Stattdessen konstituieren sich Öffentlichkeiten in Relation zu spezifischen Situationen und Ereignissen, wie Freizeitpraktiken, z.B. flash mobs, oder der Tourismus zeigen. Sie sind aber auch in völlig neuen Medien und in Verhaltensformen im Internet präsent: "Second Life" oder "World of Warcraft" sind Plattformen simulierter Öffentlichkeiten, in denen private und öffentliche Existenz verschwimmen. "Kunst im Öffentlichen Raum" ist in diesem Zusammenhang ein historischer Gattungsbegriff geworden, der eng mit unserem Demokratieverständnis und der Suche nach einer Position der auftragslosen Kunst in ihm verbunden ist. Wie die Künstler diese Verhältnisse heute beurteilen und sich in ihnen positionieren ist eine Fragestellung unserer Ausstellung.

kunstaspekte: 
Ist der Außenraum im Vergleich zum Ausstellungsraum für Sie die interessantere und zeitgemäßere Situation für Kunstprojekte?

Franzen: Außenraum und Ausstellungsraum sind gleich spannend, das hängt von der jeweiligen Situation ab und lässt sich nicht pauschal beantworten.

kunstaspekte: Spielt es eine Rolle, ob das Publikum die künstlerischen Eingriffe, Begegnungen und Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum als "Kunst" erlebt?

Franzen: In Münster begegnet man der Kunst an dem Ort, für den sie gemacht wurde. Dennoch wird es unerwartete Begegnungen geben und manche künstlerische Strategie setzt auch auf die "Verwechslungsgefahr", die sich erst bei längerem oder näherem Hinsehen auflöst. Dass es sich dabei um Kunst handelt, steht außer Frage, ob jeder gewissermaßen die Spritze fühlt, die ihm gerade gesetzt wurde, hat etwas mit individuellem Empfinden zu tun.

kunstaspekte: Gibt es deutlich erkennbare Unterschiede in Bezug auf die Vorläuferveranstaltungen der letzten Jahrzehnte?

Franzen: Jede Skulptur-Projekte-Ausstellung hatte ein unverwechselbares Gesicht. Die erste Ausstellung 1977 war sehr um die Neu- und Re-Definition der Gattung Skulptur bemüht. Neben einer ausführlichen Museumsausstellung gab es den Teil "autonome Skulptur" im Schlosspark von Münster und eben den Projekte-Bereich mit Donald Judd, Claes Oldenburg, Carl Andre, Ulrich Rückriem usw. 1987 waren die site-specificity aber auch Figur, Historizität und Ironie zentrale Themen. 1997 ging es sehr stark um Kunst als Dienstleistung, wenn man das einmal so holzschnittartig zusammenfassen will. 2007 wird wiederum anders und neu sein. Es geht um den sozialen Raum, die Situationsspezifik und um den Freiraum und Eigenwert der Kunst in unserer Gesellschaft.