31. Mar 2018

Ein Beitrag von Lothar Frangenberg

Vieles ist dem 1988 früh an einer Überdosis Verstorbenen schon während seiner kurzen Schaffenszeit zugeschrieben worden. Selbst mit Superlativen wurde nicht gegeizt. Jean-Michel Basquiat, der dunkelhäutige Exot, erst Außenseiter in der Kunstszene, wird schnell als geniales Wunderkind mit kometenhaftem Aufstieg gefeiert. Vom Sprayer auf der Straße, aus dem Underground aufgetaucht, mutiert er zum Superstar in Galerien, Museen und Clubs. Er wird als charismatischer und brillanter Autodidakt mit sicherer Hand charakterisiert, der zeichnend und malend, einfallsreich zwischen Gefühl und Intellekt variierend, kalkuliert und expressiv zugleich, seinen ihm eigenen Stil entwickelt. Als schwarzer, junger Künstler nimmt er alles, was ihn umgibt, auf und verarbeitet es – inklusive der westlichen Kunstgeschichte – originell und radikal. Er ist nicht nur ein Tausendsassa der Kunstszene der 1980er Jahre, der ebenso geschickt als Akteur am Markt agiert, sondern einer der wesentlichen Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Neben dieser schillernden Seite des reüssierenden Künstlerstars gibt es die des Privatmenschen, der im damaligen, verarmten und verwahrlosten New York ständig die Erfahrung machen muss, als Schwarzer, ein städtischer „Eingeborener“ mit der falschen Hautfarbe, diskriminiert zu werden. Es geht noch rassistisch zu. Tatsächlich ist er ein Kind aus Brooklyn und einer nicht bildungsfernen Mittelschicht angehörend. Schon seine Mutter nimmt ihn regelmäßig zu Museumsbesuchen mit. Der von ihm früh konsequent angestrebte Status des erfolgreichen Künstlers verhilft ihm zu einer Anerkennung und Selbstbestätigung, die er als einheimischer Underdog nie erhalten hätte.

Drei Jahrzehnte später schleicht sich bei solch großartigen Etikettierungen schnell der Verdacht ein, ob man nicht seinerzeit einem der vielen kurzfristigen Hypes des Kunstmarktes aufsaß, der in seinen Auswirkungen bis heute nachwirkt? Gerade vieles von dem, was in den frühen 1980er Jahren unter dem Etikett einer neuen, wild-expressiven Malerei Furore machte, ist längst verblasst. So ungestüm wie dieses Phänomen auftrat, so schnell verschwand es in großen Teilen auch wieder. Basquiat – so will uns die Ausstellung zeigen – gehört zu denen, die prägende Arbeiten geschaffen haben, die überdauern. Das Kuratorenteam möchte untermauern, dass die Wertschätzung der Arbeiten zu Recht bis heute anhält. Das Faszinosum „Basquiat“ soll uns in seinen Facettenreichtum und seiner noch bestehenden Strahlkraft vor Augen geführt werden.

Die Ausstellung, in Kooperation mit dem Barbican Centre, London, ist teils chronologisch nach Schaffensphasen, teils nach Themenfeldern wie „Szene“, „Selbstportrait“ oder Kollaborationen gegliedert Das erleichtert Übersicht und Verständnis. Die rund 100 Arbeiten reichen von Beispielen seiner konzeptuell geprägten Sprayer-Aktivitäten, über seine Notizbücher, Postkarten und Objekte bis hin zu großformatigen Bildern. Der tanzende Basquiat in einem Film von 1982 stimmt auf diesen Parcours ein. Ein Film über die damalige Club- und „New Wave“-Szene in New York mit Basquiat als Darsteller bildet den bewegten Abschluss des Rundgangs. Zwischen dieser medialen Klammer wandert der Besucher bei gedämpftem Licht meist in langen, dunkelgrau gefassten Raumfluchten, in denen die Arbeiten oft spotartig an der Wand aufleuchten. Notizen, Zeichnungen und Begleit- oder Anschauungsmaterial werden sehr geordnet aufbereitet auch in Vitrinen oder blockartig gehängten Rahmungen vorgeführt. Einzelne Fotowände sollen dem Ganzen einen Anstrich von szeniger Atmosphäre verleihen. Als Betrachter bleibt man im Zwiespalt, in welche Richtung es einen ziehen soll? Steht das seriöse Fundament für all die Zuschreibungen im Vordergrund oder die Vermittlung der Subkultur seinerzeit vor Ort? Es setzt sich meist ein museales Erscheinungsbild durch, das viele Werke optisch überhöht. In den engeren Räumen geht der Fluss der Arbeiten ein wenig verloren und das Erscheinen der „Bildfenster“ vor dunklem Grund steigert den Eindruck eines wertvollen Einzelstücks. Die „Strahlkraft“ der Arbeiten kommt in diesen stimmungsvollen „Dark Cubes“ zu sehr durch das Fokussieren auf die inszenatorischen Momente der Ausstellung zur Geltung. Solche Passagen im Parcours scheinen dem kuratorischen Aufbereitungswillen zu stark ausgesetzt. Man wünscht sich, die Werke könnten dort befreiter aufspielen. Das Lebensgefühl jener Zeit, das der Besucher in den Arbeiten wiederfinden möchte, ließe sich direkter transportieren.

Heute, dreißig Jahre später, treten bei Basquiat neben dem flotten und rüden künstlerischen Vorgehen bis hin zur Rotzigkeit auch die malerischen Setzungen, die eigene Qualitäten entwickeln, nach vorne. Trotz aller Freiheiten bleibt das Bildfenster eine feste Basis- und Bezugsfläche. Symmetrieachsen erscheinen, kompositorische Zwei- oder Dreiteilungen der Formate fallen auf, der malerische Zusammenhang zwischen Figur und Grund wird in einem komplexen Neben- und Übereinander befragt, ohne in ein festes Gestaltungssystem zu verfallen. Häufig wie Bildgründe wirkende Farbflächen fungieren an der Bildoberfläche als festigenden Deckschichten über den vielen gesampelten Bildelementen. Es entstehen dabei keine räumlichen Illusionen und unbedingten Hierarchien oder Zuordnungen, sondern immer andere Umschichtungen, Festigungen und erneute Zerlegungen der Bildelemente.

Große Bilder wie „Glenn“ von 1984, sie hängen im weiträumigeren Saal vor weißen Wänden, machen Basquiats Arbeitsweise exemplarisch anschaulich. Es zeigt einerseits sein prinzipielles Vorgehen, alles aus der unmittelbaren Umgebung, dem gesellschaftlichen Umfeld und seinem Gedächtnisspeicher als Materialien verfügbar zu halten, sie als Wahrnehmungsfragmente und -schnipsel unaufhörlich einzuspeisen. Zeichnungen, Notizen, mit fragmentarischen Listen und Tabellen durchsetzt, und Kopien: Auf ihnen kann alles auftauchen, was ihn beschäftigt, vom Blättern im Anatomieatlas oder dem Buch mit afrikanischen Felszeichnungen über den Blick in das aktuelle Fernsehprogramm bis hin zu Grafiken und Illustrationen alter Meister. Andererseits zeigt diese Malerei Basquiats Art der Umsetzung ins konkrete Bildformat. Kleine, schon bearbeitete Blätter werden zum großen Format zusammengeklebt und collagiert. Es entsteht mit dieser für uns in seiner Bedeutung unentwirrbaren Fülle an Gezeichnetem und Geschriebenem eine Bildfläche von vibrierender Farbigkeit, ein Farbgewebe von hoher malerischer Qualität. Als bildprägender, beherrschender Kontrapunkt erscheint in einer Bildhälfte ein riesiger, dunkler, maskenhafter und zähnebleckender Kopf. Ein Motiv, das in ähnlicher Form immer wieder auftaucht. Auch hier im Bild brabbeln, stammeln oder randalieren einige davon im Kleinformat vor sich hin. Der große übertönt diese Kakophonie lauthals, ohne sie im Spiel von Position und Gegenposition endgültig abwürgen zu können. Neben diesen typisierten großen und kleinen Köpfen tauchen in den Bildern häufig fast skelettartige Figuren auf. Sie wirken wie mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Innereien liegen frei, meist in Nachbarschaft zu vielen anderen, nicht identifizierbaren Komponenten, teils sind stützende und formende Prothesen oder Apparate angebracht. Diese Figuren muten versehrt und beschädigt an. Sie kommen wie leidende Hampelmänner oder groteske Cyborgs daher. Der Gedanke an Selbstportraits liegt nahe, mit denen Basquiat traumatische Alltagserfahrungen verarbeitet hat.

Auch wenn die Arbeiten für manches Auge heute noch mit einem trashigen oder scheinbar naiven Flair daherkommen, man sollte sich nicht in die Irre führen lassen. Der Autodidakt Basquiat wusste, was er tat. Er war sich über seine Mittel im Klaren. Direkt anschaulich wird es, wenn er bei einigen seiner Bildwerke den Rahmen unter der aufgespannten Leinwand an den Bildecken als einfache Lattung sichtbar werden lässt. Dieser Eingriff verweist über das „Bildfenster“ als Kontaktfläche zum Betrachter hinaus auf das handwerkliche und das objekthafte Moment der Arbeit, somit letztlich auf die Voraussetzungen seines Tuns. Das Ende der Malerei wurde auch zu jener Zeit schon prognostiziert. Die Tätigkeit des Malens hatte sich abgenutzt und lief sich in selbstreflexiven Kreisläufen fest. So ist es nicht verwunderlich, dass alle einschließlich Basquiat noch heute relevanten „neuen wilden“ Maler aus den frühen 1980er Jahren sich nicht unbekümmert einem neuen Neo-Expressionismus auslieferten. Natürlich ging es im schnellen, künstlerischen Zugriff um die Inszenierung eines authentischen Szene- und Lebensgefühls nach den als streng rational und formal empfundenen, einschränkenden Exerzitien von Minimal- und Concept Art. Aber die malerischen Mittel waren keine authentischen mehr. Das „verbrauchte“ Vokabular wurde scheinbar lapidar, achtlos und unvollendet durchgespielt. Malerei wurde nicht hofiert oder gefeiert, sie wurde strategisch eingesetzt. Es ging nicht um den Ausdruck einer subjektiven Malfreude, sondern um das Konzept einer möglichen, künstlerischen Transavantgarde.

Basquiat kopiert und sampelt nicht nur, indem er Elemente städtischer Subkulturen aufgreift oder Nachschlagewerke durchforstet, er bezieht sich ebenso auf berühmte Kollegen und Kunstströmungen von der „Art Brut“ bis zur „Pop Art“. Ob unverbraucht oder tradiert, ob Alltags- oder Hochkultur, für ihn gibt es keinen Unterschied bei der Auswahl. Alles fließt als in der Arbeit sichtbar bleibender, aber sich verändernder Strom durch ihn als Black Box, als menschlicher Konverter, hindurch. Er lässt sich von all diesen Signalen, sinnvoll oder nicht, geradezu überfluten. Er erzeugt daraus unentwegt neue, subjektive Schnittmengen von großer Eigendynamik. Heterogenes bleibt in diesem fortwährenden Durchmischen und Transformieren der verschiedenen Bezugs- und Realitätsebenen im spannungsvollen Nebeneinander einer offenen Struktur erhalten. So wie Basquiat seine Art von Unbekümmertheit im Umgang mit ihm vertrauten und fremden Inhalten, die er seinen Arbeiten einverleibt, vorführt, während er gleichzeitig seine Methodik thematisiert, erweist er sich heute noch als modern. Sampeln ist in unserem Alltag eine für alle verfügbare und genutzte Technik der Aneignung geworden. Seine Arbeiten führen sie immer noch kraftvoll vor.

Diese Ausstellung will den Besuchern nichts eintrichtern oder sie überrumpeln. Aber sie ist trotz aller andersartigen Bemühungen zu museal geraten. Sie verstärkt den Eindruck des Meisterhaften: ein Effekt, den sie gerade hätte auflösen sollen. Dynamik und Aktualität leiden darunter, das Radikale dampft ohnehin mit der Zeit ein. Es gelingt ihr aber zu zeigen, dass unabhängig von jeder Inszenierung viel mehr passiert ist, als dass der begabte Außenseiter das System der westlichen Kunstproduktion verinnerlichte, zu benutzen wusste und als Schwarzer die von Weißen dominierte westliche Kunstszene eroberte. Heute ergeben sich zwischen all den aktuellen, transkulturellen Diskursen, die den westlichen Kulturuniversalismus in Frage stellen, unter dessen Prämissen Basquiat erfolgreich war und seinen Stellenwert als Künstler definierte, ohnehin weitere und veränderte Perspektiven zu seinem Werk.

Es hatte „Boom“ gemacht! Das Echo ist in Frankfurt noch deutlich zu hören.

link:
BASQUIAT. BOOM FOR REAL, Schirn Kunsthalle Frankfurt in kunstaspekte