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In den letzten 20 Jahren hat das allgemeine Interesse der Kunstwelt am 'Anderen' dazu geführt, dass KünstlerInnen aus nicht-westlichen Ländern gezwungenermaßen ihre Identität und kulturelle Herkunft hervorheben und sich innerhalb des 'Anderen' verorten mussten. Die kulturelle oder ethnische Differenz wurde von vielen Theorien und Praktiken als Empowerment und Emanzipationsmoment für nicht-westliche KünstlerInnen hervorgehoben. Die Zuordnung eines divergenten sozialen und historischen Raums führte jedoch automatisch zur Markierung der nicht-westlichen KünstlerInnen als das 'Andere'. Die Ausstellung a forest and a tree möchte die übliche Lesart von künstlerischen Arbeiten durch einen nationalen, ethnischen oder kulturellen Filter brechen und sucht nach alternativen Interpretationsmöglichkeiten, die eher auf eine konstruktive Wahrnehmung des Eigenen und des Anderen zielen. Trembling Time, ein Video von Yael Bartana, stellt nationale Identität und staatlich auferlegte Glaubenssysteme in Frage. Die Künstlerin möchte ein Ereignis hervorheben, ohne es zu inszenieren, und übersetzt es damit in eine visuelle Metapher. Phil Collins wiederum untersucht in dem Video how to make a refugee die Darstellung von Flüchtlingen in internationalen Medien, indem er auf den Konsum des 'Anderen' durch westliche Medien hinweist. Somebody Else’s Car, eine Diavorführung von Ahmet Ogut, zeigt den Künstler als Eindringling, der zwei Privatfahrzeuge transformiert: Das erste Auto wird zu einem Taxi, das zweite zu einem Polizeiwagen. Diese Intervention lenkt die Aufmerksamkeit auf die beiden, dem System impliziten Machtpotentiale. Emily Jacirs Video from Texas with love thematisiert dagegen das menschliche Bedürfnis nach Freiheit. Die Künstlerin fährt im Namen der Menschen, die eben genau diese Möglichkeit nicht haben. Diese so wenig bedeutsame Aktivität des Fahrens kann für Menschen in anderen Teilen der Welt Freiheit bedeuten. Stock Exchange, ein Video von Sislej Xhafa, hinterfragt die Position des Einzelnen in Beziehung zu Wirtschaftssystemen. Hier wird eine Analogie zwischen dem Geldfluss an der Börse und dem Strom reisender Menschen gezogen, um die wirtschaftlichen Werte zu kritisieren, die diese Entwurzelung hervorgerufen haben. Jakup Ferris Video Save Me, Help Me schließlich weist auf den Prozess hin, dem sich ein nicht-westlicher Künstler unterziehen muss, um Anerkennung zu gewinnen.

Der Titel der Ausstellung a forest and a tree basiert auf der Redewendung 'den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen'. Das Sprachspiel spiegelt den Gegenstand der Ausstellung, nämlich die Erforschung von Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten der Beziehung des einzelnen Teils zum Ganzen: Das Besondere des Kunstwerks soll bei der Interpretation weder negiert, noch seine Position in einem größeren Kontext außer Acht gelassen werden.

Durch die vielschichtige, halb-abstrakte Qualität der visuellen Elemente der Arbeiten können die Themen nationale Identität, Immigration, Exil und Leben unterdrückter Minderheiten aus breiterer Perspektive betrachtet werden. Die Interpretation bleibt hier weder auf die geografische Lage noch auf die ethnische Herkunft beschränkt, stattdessen werden die BetrachterInnen dazu eingeladen, die verschiedenen Situationen durch Assoziationen zu verbinden und fragmentierte Inhalte als relational und anwendbar auf verschiedenste Kontexte zu lesen. Die Bedeutung der Werke wird auf diese Weise erweitert; und die Ausstellung a forest and a tree wirft damit auch die Frage auf, ob Kunst einen Raum zur Verfügung stellen kann, in dem soziale Themen über ihren spezifischen Kontext hinaus interpretiert und in eher universeller Hinsicht verstanden werden können.

a forest and a tree
Kurator: Pelin Uran

mit Yael Bartana, Phil Collins, Esra Ersen, Jakup Ferri, Emily Jacir, Ahmet Ogut, Sislej Xhafa