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Eröffnung: Freitag, 23.5. 2008, 18.30 Uhr

Seit Mitte der neunziger Jahre hat der belgische Künstler David Claerbout ein konsequentes künstlerisches Werk von erstaunlicher Bildkraft entwickelt, das dank zahlreicher Ausstellungen international breit wahrgenommen wird und nun im Kunstmuseum St.Gallen, erstmals in einer umfangreichen Einzelpräsentation in der Schweiz, zu sehen ist.

Claerbouts multimediales Schaffen und sein künstlerischer Ansatz – gleichsam zwischen den Medien – zielen auf eine grundlegende Reflexion über die (bildnerischen) Medien, ihre historischen Traditionen und Wertigkeiten sowie den ihnen eigenen Status als Bild. Dabei wird in den konzisen Arbeiten die Zeit zur entscheidenden Dimension der Wahrnehmung vermeintlich unbewegter Bilder. Raffiniert spielt der Künstler mit den Ausformungen des Zeitlichen im Bild, seinen möglichen Dehnungen und Verdichtungen zwischen Dauer und Moment. Dabei versteht er es, Zeit als eine dem Bild inhärente Dimension in immer wieder überraschender Weise zu formen, zu modulieren und zu verlangsamen, weshalb er sozusagen als der „Entschleunigungskünstler“ der Gegenwart wahrgenommen wird: „Der Triangel von Dauer ist einer von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ich versuche, diese drei Elemente auf derselben Oberfläche zu erfassen. Ich versuche, in den Videoarbeiten ein Bewusstsein zu erlangen von der Vergangenheit des Bildes, seiner Gegenwart und was es in Zukunft bedeuten könnte.“ (David Claerbout)

So bildete seine eindrückliche Videoinstallation Vietnam, 1967, near Duc Pho (reconstruction after Hiromichi Mine) den gedanklichen Ausgangspunkt und das inhaltliche Zentrum der Ausstellung Im Auge des Zyklons / In the Eye of the Storm, die letzten Sommer im Kunstmuseum St.Gallen zu sehen war. In der 2001 entstandenen Arbeit bezieht sich Claerbout auf eine historische Fotografie des Reporters Hiromichi Mine, der im Vietnamkrieg ein U.S.-Transportflugzeug aufgenommen hatte, das durch „friendly fire“ von eigenen Truppen abgeschossen wurde. Festgehalten ist der Augenblick, in dem das Flugzeug über dem Stützpunkt abstürzt. Genau an diesem Punkt setzt Claerbouts subtiler Transformationsprozess des S/W-Originals ein. Er hat dieses am Computer mit eigenen Aufnahmen vom Ort des Geschehens verbunden und animiert – mit dem Ziel einer Verschiebung der Wahrnehmung, weg vom Vordergründigen der Aktion hin, zu langsamen Veränderungen des Lichts und damit zu wiederkehrenden Phänomenen der Natur. Es geht dem Künstler also nicht um ein Historienbild, sondern um das Modulieren von Zeit in der Bespiegelung von bewegten und unbewegten Bildtraditionen.

Dies geschieht in den vordergründig so ruhigen Sequenzen von scheinbar alltäglichen Begebenheiten mittels aufwändiger digitaler Bildmanipulation. Aus analogen Bildern erschafft Claerbout eindrückliche Videoarbeiten und digitale „Diapräsentationen“, in denen sich die traditionellen Bildmedien bespiegeln und damit ihren eigenen Status permanent in Frage stellen. Im Zeitalter digitaler Bildverarbeitung geht es indes weniger um eine neue Nutzung der traditionellen Bildgattungen als vielmehr um einen grundlegend anderen Zugriff auf Bilddaten und deren subtile Transformationen.

Mit genauso spektakulären wie vielschichtigen Videoarbeiten ist der 1969 in Kortrijk geborene und heute in Antwerpen lebende David Claerbout in den vergangenen Jahren prominent hervorgetreten, wie Einzelausstellungen in bedeutenden Institutionen, u. a. 2002 im Kunstverein Hannover, 2003 im Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, oder 2004 im Lenbachhaus, München, sowie zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, u.a. an der 2. Berlin Biennale, 2001, oder der Taipei Biennale, 2004, belegen. Als erstes Schweizer Museum präsentiert das Kunstmuseum St.Gallen eine grosse Einzelausstellung, die neben bekannten Videoarbeiten wie The Stack (2002), Rocking Chair ( 2003) oder Bordeaux Piece (2004) eine Reihe aktueller Werke zeigen wird.

Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou, Paris, dem MIT List Visual Arts Center, Cambridge / MA., der Stiftung De Pont in Tilburg und The Belkin Galleries, Vancouver. Sie wird von einer gemeinsamen Publikation begleitet.

Mit freundlicher Unterstützung der Galerien: Hauser & Wirth, Zürich London Micheline Szwacjer, Antwerpen Johnen / Schöttle, Köln München Berlin Yvon Lambert, Paris New York

David Claerbout
After the Quiet
Kurator: Konrad Bitterli