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Die Verführungsfähigkeit der Kamera steht im Zentrum der Arbeiten der Fotografin Heji Shin (*1976 in Seoul, lebt in Berlin und New York). Ihre Aufnahmen sind von einer filmischen Ästhetik geprägt, die das Dokumentarische des Mediums hinterfragt und seine Inszenierungsmacht hervorhebt. In der Ausstellung in der Bibliothekswohnung entfaltet das Filmhafte über eine Serie von Porträts, Stillleben und Materialstudien seine Dramaturgie.

In unmittelbarer Nähe zur Bibliothekswohnung liegt die Oranienburger Straße, die die Friedrichstraße mit dem Hackeschen Markt verbindet. Als Flaneure vermischen sich hier Hauptstadttouristen, Kunstinteressierte, Modebegeisterte, Prostituierte und ihre Kunden. Zurschaustellung und Voyeurismus sowie bestimmte Objektvorlieben und Fetische ziehen sich in den unterschiedlichsten Ausprägungen durch alle dort anzutreffenden Milieus – und lassen die Grenzen verwischen.

Eine Serie von in der Bibliothekswohnung gezeigten Bildern untersucht die Materialeigenschaften von Leder. Die Nahaufnahmen stellen die intime Sinnlichkeit einer fast möglichen Berührung her. Der Blick tastet die Oberfläche, die Poren und Falten der Haut ab. Paradoxerweise entfernt sich der gewählte Ausschnitt aber auch von der deskriptiven Gegenstandsaussage: Der entgrenzte Bildraum wird frei von jeder dimensionalisierten Messbarkeit dargestellt. Die Fotografien der schwarzen Fläche erinnern vielmehr an Malewitsch‘s Schwarzes Quadrat als idealtypisches Figurationsmodell größter Einfachheit und zweckfreier Anschauung. Das Leder wird zum lyrischen Gebilde, das wie eine nackte Ikone ein Spiegel der reinen Empfindung sein kann – frei von Wertunterschieden, Vorrechten und Vergleichsmöglichkeiten.

Mit ihren Porträts entführt Heji Shin den Betrachter vorurteilsfrei in eine erotisch konnotierte Bilderwelt, die zwischen modischer Inszenierung und intimen Spiel changiert. Die Accessoires und Umgebungen der Porträtierten lassen keine Eindeutigkeit zu. Das Spiel und die Haltungen wirken entspannt und fast wie zufällig mit der Kamera erfasst. Und dennoch ist jede Komposition ein Gefüge aus intuitivem Vorgehen und wohl kalkulierter Planung, mit der Heji Shin die Bilder sorgfältig arrangiert. Jedes Detail ist bewusst gesetzt: der Faltenwurf der Kleider, die Lage der Haare, die Abstufungen von Schärfen und Unschärfen im Bildraum. Ganz beiläufig fühlt sich der Betrachter an Werke von Gustave Courbet erinnert oder sogar sehr konkret an Tizians lagernde Venus von Urbino. Und zugleich scheinen die eingefrorenen Momente auf eine epische Handlung zu verweisen. Heji Shin spielt mit Licht und Schatten und erzeugt eine gesteigerte Dramatik wie in Standbilder aus Filmen. Die stets mitschwingende Ahnung einer Geschichte entfaltet die suggestive Kraft eines Geheimnisses, das man unbedingt erfahren möchte – so wie das Ende eines Films. Doch wie bei den Filmen von David Lynch bleibt nur eine verstörende Ungewissheit, die nie aufgelöst wird.

Mit The Black Object präsentiert Anna-Catharina Gebbers | Bibliothekswohnung die erste Einzelausstellung von Heji Shin.

Am 2. Oktober 2010 wird von 14–18 Uhr in der Ausstellung das Videoprogramm On Objects and Fetishes präsentiert: Anna-Catharina Gebbers und Olaf Stüber zeigen Videoarbeiten von Ulf Aminde, Marc Aschenbrenner, Lisa Junghanß, Stefan Panhans, Nicole Wermers und anderen.

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(English text version)

The work of the German photographer Heji Shin (born 1976 in Seoul, lives in Berlin and New York) is focussed on the camera's ability to seduce. Her photographic works are characterised by a cinematic aesthetic. This questions the ability of medium to purely document and instead emphasises on its theatrical power. The exhibition at the Bibliothekswohnung displays a dramaturgy of portraits, still life and material studies.

The Bibliothekswohnung is located near to Oranienburgerstrasse, which connects Friedrichstrasse with Hackescher Markt. Tourists, art lovers, fashionistas, prostitutes and their customers create the group of flaneurs. Exhibitionism and voyeurism, as well as specific object preferences and fetishes are part of all these environments - and blur the boundaries.

A series of images shown at the Bibliothekswohnung investigates the leather as material by gliding over the surfaces. The close-ups create the intimate sensuality of an almost possible touch. The eyes of the viewer scan the surface, the pores and wrinkles of the skin. Paradoxically, in a way the close-up also denies to describe the object by eliminating any measurability. The photographs of the black surface reminiscent rather of Malevich's Black Square as an ideal-typical model of the utmost simplicity and a pure intuition. The leather becomes a lyrical structure, which like a naked icon can reflect the pure sensation – free of value differences, privileges and opportunities for comparison.

Heji Shin‘s portrait works draw the viewer into a world of an erotically connotated imagery that oscillates between a fashionable staging and the intimate game. The persons in the photos seem relaxed and almost coincidental. And yet, in every composition intuitive approach and well calculated planning interlace. Heji Shin arranges the pictures carefully. Every detail is deliberately set: the folds of the clothes, the location of the hair, the shades of sharpening and blurring in the image space. Quite casually, the viewer is reminded of the works of Gustave Courbet or even Titian's Venus of Urbino. And at the same time the frozen moments seem to refer to an epic storyline. Heji Shin plays with light and shadow, creating an increased dramatic atmosphere as in still images from movies. The constant presentiment of a story unfolds the suggestive power of a secret which you are curious to know - just like the end of a movie. But as with the films of David Lynch there is only a disturbing uncertainty that is never resolved.

The Black Object at Anna-Catharina Gebbers | Bibliothekswohnung is Heji Shin's first solo exhibition.

On October 2, 2010 from 2–6pm we will screen the filmprogramm On Objects and Fetishes. Anna-Catharina Gebbers and Olaf Stüber will present videos and moving image works by Ulf Aminde, Marc Aschenbrenner, Lisa Junghanß, Stefan Panhans, Nicole Wermers and others.

Heji Shin
The Black Object
25 September 2010, 14:00-18:00 Uhr