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Internationale Kurzfilmtage Oberhausen
13.05.2020 - 18.05.2020

In welche Richtung entwickelt sich die kulturelle Praxis Kino? Wie kann Film in einer postkinematografischen Rea-lität öffentlich präsentiert werden? Mit diesen Fragen be-schäftigen sich die Kurzfilmtage seit langem. 2020 setzt das Festival einen großen Schwerpunkt im Bereich Expanded Cinema: An der Schnittstelle von Kino und Museum, von Kunst und Film, Musik und Performance werden quer durch die Sektionen Arbeiten von Künstlern präsentiert, die das Kino als Live-, Raum- und audiovisuelles Erlebnis inszenie-ren, die das Publikum einladen, eigene Erfahrungen einzu-bringen. Zusätzlich ziehen sich Vorträge, Artist Talks, Dis-kussionen und Workshops durchs Festival, insbesondere in den Sektionen Labs und Conditional Cinema, in den Podi-umsdiskussionen oder in dem Morgan Fisher gewidmeten Profil.

In ihrer 66. Ausgabe führen die Kurzfilmtage außerdem eine neue Programmreihe ein, in der die neuere Kurzfilm-produktion eines europäischen Landes präsentiert wird, ku-ratiert von einem Experten aus dem jeweiligen Land. Den Anfang macht Portugal, ausgewählt von Miguel Valverde (IndieLisboa). Ein weiteres Land steht im Zentrum der Labs: Die Kurzfilmtage bringen, erstmals in diesem Umfang, die vielfältige Landschaft kanadischer Künstlerlabore und -kol-lektive nach Europa. Dazu gehört auch eine Reihe von Per-formances aus Kanada, die künstlerische Möglichkeiten des analogen Films ausloten. Analoger Film steht überdies im Mittelpunkt von drei Workshops zu Vorführungspraxis, künstlerischer Praxis und schließlich zu seinem Einsatz in der Medienbildung für Kinder.

Wettbewerbe:
In fünf Wettbewerben zeigen die Kurzfilmtage jedes Jahr einen Querschnitt durch die aktuelle Kurzfilmproduktion weltweit, der vor allem das Experimentelle, das Neue ab-bildet. Durchschnittlich werden rund 7 500 Produktionen pro Jahr eingereicht, jedes Jahr vergibt das Festival Preis-gelder in Höhe von insgesamt knapp 41 000 Euro. Orga-nisiert werden der Internationale, der Deutsche und der NRW-Wettbewerb, der Internationale Kinder- und Jugend-filmwettbewerb sowie der MuVi-Preis für das beste deut-sche Musikvideo.

So verschiedene Filmemacher und Künstler wie Eija-Liisa Ahtila, Andrea Arnold, Robert Frank, George Lucas, François Ozon, Laure Prouvost, Pipilotti Rist oder Alexan-der Sokurov haben ihre frühen Arbeiten in Oberhausen ge-zeigt. Auch heute noch sind die Kurzfilmtage Plattform für Entdeckungen, die von Oberhausen aus um die Welt gehen.

Thema:
Solidarität als Störung
Solidarität stört die Systeme der Ungleichheit und Hier-archie. Als Reaktion auf die Migrationsbewegungen der letzten Jahre führte die Solidarität mit Flüchtenden und Mi granten, im Gegensatz zur gewalttätigen Politik der Fes-tung, zu einer Überprüfung der eigentlichen Bedeutung und Möglichkeit von Solidarität. Wie kann man Solidarität als politisches Projekt begreifen und ihre Methoden mit Hilfe des Films re/aktivieren? Wie kann man das historische Erbe als Ressource neu denken und ein zeitgenössisches Register der Solidarität entwickeln?

Das Programm spürt den Zusammenhängen zwischen Produktionsweisen und politischer Praxis im Film nach, er-forscht die Archive und Kontinuitäten der Emanzipations-politik, untersucht Solidarität anhand disruptiver filmischer Praktiken: von der De-Elitisierung der Produktion (radika-ler Amateurismus) und der Raumpolitik des Alltags zu Kine Politik, einem Kino, das die Bewegungen der Menschen re-flektiert, und den ästhetischen Formen und Dokumenten des Lebens von Arbeitenden im Film sowie Filmfronten, die die Zukunft für sich reklamieren. Mit Filmvorführungen, einer Podiumsdiskussion und Vorträgen baut es auf dem Erbe und den zeitgenössischen filmischen und künstlerischen Prakti-ken des ehemaligen Jugoslawiens seit den 1960ern auf, als internationaler Dialog mit Filmen von Želimir Žilnik, Tomislav Gotovac, Bojana Marjan, Igor Grubic ́, Vlado Kristl, Krsto Pa-pic ́, Dušan Makavejev, Doplgenger, Chto Delat, Nina Autor und anderen.

Die Kuratorinnen Branka Bencˇic ́, freie Kuratorin und Kunsthistorikerin, ist Leiterin des Apoteka – Space for Contemporary Art. Sie kuratiert das Artists Cinema Filmprogramm am Museum of Contemporary Art Zagreb und ist Gründerin und Kuratorin des Cinemaniac Think Film Förderprogramms des Pula Film Festivals. 2017 war sie Kuratorin des kroatischen Pavillons bei der 57. Biennale Venedig.

Aleksandra Sekulic ́ ist Programmleiterin am Center for Cul-tural Decontamination (CZKD) in Belgrad. In den 2000er Jahren war sie Kuratorin und Produzentin am Belgrader Academic Film Center und ist Mitglied von Media Archaeo-logy und des Kosmoplovci Kollektivs.Zusammen und einzeln kuratierten sie Ausstellungen und publizierten zum Erbe des experimentellen Films, früher Vi-deoproduktionen und Filmclubs im ehemaligen Jugoslawien.