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Ort: Lokremise St. Gallen

Ich mache nichts anderes als das, was andere schon gemacht haben. John M Armleder

Mit einer Nonchalance, die geradezu provokant wirkt, hat der in Genf lebende Künstler John M Armleder (*1948) ein umfassendes künstlerisches Oeuvre geschaffen, das virtuos die Traditionen der Moderne aufgreift, ihren inzwischen längst abgegriffenen historischen Formenschatz neu sichtet und in die Gegenwart übersetzt und sich dabei zugleich jeder formalen Kategorisierung genauso elegant wie subversiv entzieht. Sein Schaffen, das im Umfeld der Fluxus-Bewegung der 1960er Jahre einsetzt, geht stets vom Performativen aus.

Und so sind auch seine spektakulären Inszenierungen der vergangenen Jahre, so u.a. 1998 in der Kunsthalle Baden-Baden oder 2006 im Kunstverein Hannover bzw. im MAMCO Genf, letztlich immer auch als grosszügiges Angebot an das Publikum zu verstehen, aktiv teilzuhaben an einem Ereignis, bei dem künstlerische Gesten, Raum und Zeit in eins zusammenfallen und sich zu einem alles umfassenden Spektakel verdichten. Aus diesem Grund lag es nahe, John M Armleder einzuladen, die Kunstzone in der Lokremise St.Gallen und damit das neue Kulturzentrum gleichsam künstlerisch einzuleuchten.

Licht ist ein essentielles Medium in Armleders inszenatorischer Praxis. Bereits in einzelnen seiner berühmten Furniture Sculptures, die seit den 1980er und verstärkt in den 1990er Jahren entstehen, verwendet er Licht als Medium, um die visuelle Wirkung der bildhaften Objekte entscheidend zu steigern, diese eigentlich in Szene zu setzen. Spätestens jedoch in seinen raumgreifenden Installationen mit sich drehenden Spiegelkugeln und fröhlich zuckenden Lichtmaschinen, die an die Discoszene der 1970er Jahre erinnern, wird Licht zum prägenden Element. Das gilt ebenso für seine unzähligen Arbeiten mit fluoreszierenden Leuchtstoffröhren in unterschiedlichen Farben. Diese breitet der Künstler im Ausstellungsraum zu Bodenarbeiten aus oder fügt sie sorgfältig zu dichten Lichtclustern zusammen. Insgesamt erzeugen sie ein buntes Licht, welches von den Wänden des neutralen „white cube“ reflektiert wird, vielfältige Schatten wirft und den klassischen Ausstellungsraum oft ungewohnt und neu erlebbar werden lässt.

Licht, für das Ausstellen bzw. Wahrnehmen bildender Kunst das unverzichtbare Element, wird in Armleders Lichtarbeiten zu einem vielfältig formbaren Werkstoff. Mit spielerischer Geste transformiert der Künstler den Ausstellungsraum in einen schillernden Lichtraum. Dabei rufen insbesondere die Leuchtstoffröhren-Arbeiten unweigerlich die heroischen Lichtinstallationen des amerikanischen Minimal-Künstlers Dan Flavin wach. Armleders als variable Form auf dem Boden akkumulierte Arbeit unterscheidet sich indes wesentlich von Flavins strengen Lichtkompositionen mit ihren festen Strukturen und ihren hochgradig kalkulierten Lichtwirkungen. Über die in die Tradition der Moderne eingeschriebene Autonomie des Kunstwerkes hinaus verweist Armleders Arbeit immer auch auf die komplexen Bezüge ausserhalb des Kunstzusammenhanges. Der Gebrauch bunten Lichts beispielsweise erinnert an die Alltäglichkeit des pulsierenden Nachtlebens und lässt in seinem Werk die Reichhaltigkeit visueller Phänomene genauso wie die Trivialität profaner Erscheinungen anklingen. Dabei erstaunt, wie so oft in John M Armleders Schaffen, die augenzwinkernde Leichtigkeit seines künstlerischen Eingriffs sowie seine ironisch-verfeinerte Überblendung von Kunst und Massenkultur.

Konsequent inkonsequent arbeitet John M Armleder an einem Kunstbegriff, bei dem die überlieferten Wertigkeiten der modernen Kunst permanent in Frage gestellt werden. Die durch sein Schaffen wesentlich mitgeprägte Strategie des Crossover, jener Überblendung der Sphären von Hochkultur und Warenhaus, verdeutlicht seine Position als einer der entscheidenden Wegbereiter für die Gegenwartskunst. Gerade die im Werk sich manifestierende Verbindung von Kunst und Leben, bereits früh in den Performances der Gruppe Ecart angelegt und später geradezu physisch realisiert in den Furniture Sculptures, greift die Traditionen eines Marcel Duchamp wie der Pop Art auf. Mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit verbindet sich in John M Armleders Schaffen Kunststil mit Lifestyle, trifft das entäusserte Vokabular der historischen Moderne auf aktuelle Massenkultur. Diese „Jongleurakte zwischen Trivialität und verfeinerter Ästhetik“ (Bernhard Bürgi) verlieren sich indes nicht im zweckfreien Spiel, sondern führen einen raffinierten Diskurs über die Spielregeln von Kunst und Kunstbetrieb und befragen in fundamentaler Weise Sinn und Zweck künstlerischer Aktivitäten, oder um John M Armleder selbst zu zitieren: „Denn das ist genau der Antrieb, ein Kunstwerk überhaupt zu schaffen, was für mich ein ständiger Anlass zum Staunen ist.“ Und genau das wird John M Armleder im neuen Ausstellungsraum der Lokremise realisieren: eine Eröffnungsausstellung, die den Raum einleuchtet und eine spektakuläre Inszenierung, in der Kunst als raumgreifendes, skulpturales und intermediales Gesamtereignis unmittelbar erlebbar wird.

Kurator: John M Armleder

Nun, gewöhnlich denke ich sehr genau über ein Projekt nach und verwirkliche dann ein ganz anderes. Dabei vergesse ich, was ich tue, und schliesslich kommt etwas heraus, von dem ich nicht weiss, was es ist. John M Armleder

Das neue Kulturzentrum Lokremise St.Gallen befindet sich in unmittelbarer Nähe zum St.Galler Hauptbahnhof und wird am Sonntag, 12. September 2010 eröffnet. Im grössten noch erhaltenen Lokomotiv-Ringdepot der Schweiz setzen das Kunstmuseum St.Gallen, Theater und Konzert St.Gallen sowie das Programmkino Kinok neue kulturelle Akzente.

Mit grosszügiger Unterstützung von Kanton und Stadt St.Gallen, Stiftung Lokremise und Galerie Andrea Caratsch, Zürich