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Peter Fischli
12 | 09 – 29 | 11 | 2020

Peter Fischli beginnt mit einer paradoxen Intervention. Normalerweise befinden sich in der Eingangshalle des KUB schwarze Möbel. Über die eleganten Flächen, die Peter Zumthor aus kostbarem Vogelaugenahorn entworfen hat, setzt Fischli für seine Einzelausstellung im Kunsthaus Bregenz einen Verbau aus weiß getünchtem Pressspan. »Es ist ein Um-Bau im wortwörtlichen Sinn«, kommentiert Fischli. Das Interieur der Lobby wird überzeichnet, das Besondere durch das Billige verkehrt.

In allen Geschossen hängen Boxen an den Wänden. Sie enthalten ein von Fischli gestaltetes Faltblatt. Üblicherweise sind diese Halterungen aus Holz oder Kunststoff gefertigt. Doch Fischli gießt sie in Bronze. Abermals provoziert er eine Umkehr der Hierarchie — allerdings in entgegengesetzter Richtung. Die Dinge werden aufgewertet: vom Ausstellungsbehelf zum aufwendigen Einzelstück und Kunstwerk. Die Einladungskarte zeigt eine Abbildung des Solomon R. Guggenheim Museums in Bilbao. Die Illustration ist von dürftiger Qualität, offenkundig aus dem Internet geladen und vorgeblich ungeschickt an den oberen Bildrand gesetzt. Darüber steht »BREGENZ«, so als habe jemand Bregenz mit Bilbao verwechselt. Dazu kommt der Aspekt des Verkaufswerts. Zunehmend sind Kultur-institute auch Teil des Stadtmarketings: Die Vorstellung, Darstellung und Herstellung des so genannten »Alleinstellungsmerkmals« eines Ortes sowie seine Dekonstruktion kommen so zur Sprache. Das Plakat zur Ausstellung betreibt ein ähnliches Verwirrspiel mit der Identität eines Ortes.

Im Erdgeschoss ist ein Video zu sehen. In Work, Summer, 2018 zeigt Fischli Ausschnitte aus GoPro-Videos. GoPro-Kameras sind kleine Camcorder, die an Helmen montiert werden. Die Action- und Sportaufnahmen, die mit diesen Geräten gemacht werden, sind bunt, voller Jugendlichkeit, schräger Winkel und rasender Bewegung. Begeisterte sind auf Skiern und Skateboards zu sehen, auf Tauchgängen, Motorrädern oder fliegend auf mutigen Himmelsritten. Stets gleißt die Sonne, stets locken Lebenslust und Hochgefühl. Die einmaligen Erlebnisse wirken wie ästhetische Imperative. Denn die lustvolle Freizeit, die sie versprechen, ist gleichbedeutend mit der Arbeit, ihrer beglückenden Bildwelt nachzueifern.

Im ersten Geschoss befindet sich eine Ansammlung von Skulpturen auf weißen Sockeln. Es sind Dosen, Taschen und Schachteln (Cans, Bags & Boxes), die drei Grundtypen der Verpackungsindustrie. Die meisten sind bemalt, manche angeschnitten, sodass sie wie modernistische Kunstwerke aussehen. »Ursprünglich für eine Ausstellung in Los Angeles entstanden, erinnern sie an die Herstellung von Attrappen in der Filmindustrie. Man kann sie als Attrappen auf dem Weg zu richtigen Skulpturen sehen oder vice versa«, sagt Fischli.

Lässig hat er seinen Oberarm auf den Schenkel gelegt: Der Affe, zuerst in Ton modelliert und dann mit Bauschaum in einer Negativform abgegossen, ist einer von vielen. Den Affen im zweiten Geschoss gibt es in 24 Variationen. Auf Sockeln präsentiert bilden sie eine Versammlung gelblicher Skulpturen. Das Original, das Peter Fischli auch als Lithografie ausgearbeitet hat, ist im ersten Stockwerk ausgestellt. Er hat es als Zehnjähriger gemalt.

Auch Fotografien werden im zweiten Stockwerk gezeigt. Es sind Einzelbilder und Collagen von Vorlagen, die Fischli mit seinem Handy angefertigt hat. Schaumspuren sind zu sehen, Nachtszenen, Laternen aus der Umgebung des Ateliers und seiner Wohnung, Momente von Autobahn-abfahrten und Ansichten einer Industriezone im Umkreis von Zürich. Die seifigen Spuren stammen von Rasier-schaum, den Jugendliche auf Autos, Verkehrszeichen und an anderen öffentlichen Orten hinterlassen. Es ist ein »Mikrovandalismus, eine leichte Verunstaltung im öffentlichen Raum«, so Fischli.

Im dritten Geschoss finden sich die Bronzeboxen nicht mehr in ihrer Funktion als Halterungen, sondern als Skulpturen an der Wand. Daneben sind Papierarbeiten zu sehen, die erst diesen Sommer entstanden sind.

Biografie

Peter Fischli (geb. 1952 in Zürich, Schweiz). Zusammen mit seinem 2012 verstorbenen Partner David Weiss entstanden von 1979 an Arbeiten, die zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts gehören. Das Künstlerduo vertrat die Schweiz bei der Biennale Venedig 1995 und erhielt 2003 den Goldenen Löwen für seinen Beitrag Questions (1981–2002). Zudem nahmen Fischli/Weiss an der documenta 8 (1987) und der documenta X (1997) teil. Es folgten Retrospektiven in Minneapolis, San Francisco, Philadelphia, Boston, London, Zürich und Hamburg. 2016 präsentierte das Guggenheim Museum mit Peter Fischli David Weiss: How to Work Better die dritte Retrospektive der beiden Künstler, die auch im Museo Jumex in Mexiko-Stadt gezeigt wurde. Peter Fischli lebt und arbeitet in Zürich, seine jüngsten Projekte umfassen Ausstellungen in Aspen, Colorado, im Museum of Modern Art in New York, bei Reena Spaulings Fine Art in Los Angeles und New York sowie im House of Gaga, Mexiko-Stadt.