press release

Robert Morris. The Perceiving Body
08.02.2020 - 26.04.2020

Kurator: Jeffrey Weiss

Robert Morris (1931, Kansas City, Missouri – 2018, Kingston, New York) ist eine Schlüsselfigur der Kunstgeschichte nach 1960. Im Gegensatz zu einer Überblicksausstellung, die zahlreiche beispielhafte Arbeiten versammelt, um von der Vielfalt eines Werks zu sprechen, ist Robert Morris. The Perceiving Body in fünf separate Räume gegliedert, die jeweils einzelne Installationen oder Gruppen verwandter Objekte zeigen.

In den 60er und 70er Jahren fertigte Morris Werke, die heute Teil des minimalistischen und postminimalistischen Kanons sind. Diese Arbeiten thematisierten vor allem Prozesse der Herstellung und des Betrachtens. Sie wurden von Morris selbst (und später auch von anderen) mit Materialien und Methoden hergestellt, die in der Bauindustrie üblich sind. In formaler Hinsicht vermeiden diese Objekte die Konventionen der modernistischen Abstraktion und beruhen stattdessen auf der Aktivierung einfacher Prinzipien, wie dem der Wiederholung, der Veränderung der Reihenfolge oder des Zufalls. In ihren Größenverhältnissen bewahren sie stets eine unmittelbare Beziehung in menschlichem Maß zwischen sich und dem Körper des Künstlers bzw. des Betrachters – dem „wahrnehmenden Körper“, auf den der Titel der Ausstellung anspielt. Dieses Unterstreichen einer Begegnung – zwischen dem Subjekt und dem Objekt – wurzelt in einem künstlerischen Umfeld von Performance und Tanz, mit dem Robert Morris eng zusammengearbeitet hatte. Direkt auf dem Boden liegend sind sie zwar anti-monumental, doch sind sie auch groß genug, ihren Raum vollständig durch Konfrontation, Behinderung oder Einmischung zu aktivieren.

Die Ausstellung umfasst weithin bekannte Beispiele von Morris’ künstlerischer Arbeit, wie Untitled (3Ls) (1965) und Untitled (Mirrored Cubes) (1965/1971), sowie einige frühe großformatige Konstruktionen aus Sperrholz, Fiberglas und Stahlgittern, die das Licht zurückhalten, weiterleiten oder spiegeln. Ebenso werden weiche Filzarbeiten gezeigt, die ihren Herstellungsprozess demonstrieren, sowie eine verwandte Arbeit, Untitled (Scatter Piece) (1968-1969/2009), eine komplexe Installation, die auf den von John Cage (1912, Los Angeles – 1992, New York) abgeleiteten Zufallsprinzipien aufbaut. Untitled (Portland Mirrors) (1977) schließlich ist als großformatige Spiegelinstallation eine weitläufige Illusion multipler Räume, die das Prinzip der Zentralperspektive zu hinterfragen und zu widerlegen vermag.

Morris’ Werk beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen dem, was wir sehen und dem, was wir wissen. Er selbst beschrieb sein Vorgehen in dieser Zeit als eine Reihe von „Untersuchungen“, ein Begriff, den er von dem Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889, Wien – 1951, Cambridge) übernommen hatte und der eine geradezu wissenschaftliche Absicht unterstellt. Doch erlaubt das Werk noch weitere Schlussfolgerungen. So meinte Morris beispielsweise, dass sich sein Fortschritt aus philosophischem Zweifel ergebe. Man muss daran erinnern, dass seine Arbeiten in der Zeit des Vietnamkriegs entstanden, in einer Epoche heftigen kulturellen Aufruhrs in den USA, als die politischen Autoritäten sich einer starken öffentlichen Opposition ausgesetzt sahen. Das Verständnis der Arbeiten von Morris und seiner Zeitgenossen als „Vorschläge“, demzufolge jedes Objekt eine Art Experiment darstellt, einen „Was wäre, wenn“-Vorschlag, entspricht der antiautoritären Grundhaltung im Kulturverständnis der amerikanischen Linken von damals.

Schließlich war Morris’ künstlerische Praxis, bei all ihrer methodischen Präzision, auch eine zutiefst persönliche Suche. Denn während die Arbeiten dieser zwei Jahrzehnte auf der Vorstellung beruhten, dass das Sehen nicht zu trennen war von der körperlichen Erfahrung, so gab es in den 1970er Jahren doch auch neue Faktoren und Thematiken, wie Desorientierung, Blindheit und Illusion. Seinen Schriften zufolge entsprechen diese Elemente dem Nachdruck, mit dem sich Morris einer intensiven Innerlichkeit widmet, einer Suche nach dem Selbst. Viel später sollte er sogar behaupten, dass seine frühen Arbeiten bisher ungenannte, allegorische Bezüge zu seiner Kindheit enthielten, zu unvergesslichen Begegnungen mit sich unklar abzeichnenden Gegenständen und versteckten Räumen. In diesem Sinne beschäftigt sich das Werk mit dem Raum als emotionaler oder symbolischer Form.

Die Ausstellung Robert Morris – The Perceiving Body wird organisiert mit dem Musée d'Art Moderne et Contemporain, Saint-Etienne Métropole.