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Aus oftmals buchstäblich auf der Straße gefundenen Objekten macht Sofia Hultén Skulpturen, Videos und Fotoserien und untersucht die materielle Welt als eine Erweiterung der im Geiste ge- und erlebten Realität.

Hultén widmet sich den unscheinbaren Dingen des Alltags und untersucht unter Verwendung verschiedener Medien nicht nur ihren Jetzt-Zustand, sondern auch ihre Vergangenheit und Zukunft. Die Objekte begegnen einem in ihren Arbeiten für gewöhnlich als Fragmente eines größeren Zusammenhangs, die wie aus einer übergreifenden Erzählung herausgegriffen werden. Durch die Thematisierung von Sequenzen und Abläufen wird veranschaulicht, dass Objekte nicht fest und statisch sind, sondern sich in einem flexiblen Zeit-Raum-Kontinuum befinden. In ihrer Auseinandersetzung mit der Dingwelt findet die Künstlerin Anregungen in Physik und Philosophie und nicht selten öffnet Science Fiction - Literatur den Blick auf die Frage 'Was wäre wenn....?'. Einige ihrer Skulpturen können als humorvolle Spekulationen über geometrische Verschiebungen von der dritten in die vierte Dimension gelesen werden. Ähnliches gilt für das Element der Zeit in den kürzlich entstandenen Videoarbeiten, das hier als eine Art Matrix für ein Verständnis und mögliche Interpretationen der vierten Dimension fungiert.

In dem Video Truckin’ (2015) tauscht Hultén ihre eigenen Turnschuhe gegen einige Paare, die sie auf der Straße findet. Der Titel der Arbeit referiert auf den Comic Keep on Truckin’ (1968) des amerikanischen Zeichners Robert Crumb. Während sich die dargestellte Geschichte inhaltlich auf den Song Truckin’ My Blues Away (1937) des amerikanischen Bluesmusikers Blind Boy Fuller bezieht, bleibt vor allem die ikonenhafte Darstellung sich brüstender, durch die Straßen stolzierender Männer in Erinnerung. In ihrem Video läuft nun Sofia Hultén durch die Straßen, sie läuft und läuft und hält nur ab und zu inne, um ihre Schuhe durch ein gefundenes Paar zu ersetzen. Die Künstlerin benutzt das Moment der Bewegung, um einerseits gewohnte Auffassungen von Skulptur zu verschieben und andererseits den Einfluss der zeitlichen Dimension auf das Schicksal des Objektes kenntlich zu machen.

Für die Arbeit Scramble (2015) hat Hultén mehrere gebrauchte Rucksäcke auseinander genommen und anschließend in willkürlicher Konstellation neu zusammen gesetzt. Der Titel bezieht sich auf das Science Fiction Buch A Scanner Darkly (1977) von Philip K. Dick, in dem der Autor einen sogenannten scramble suit’ beschreibt. Dieser Anzug besteht aus einer sehr dünnen Membran, in der sich die Charaktereigenschaften von Millionen verschiedener Menschen spiegeln und dem Träger somit vollständige Anonymität garantieren. Obwohl Hulténs Skulpturen auf den ersten Blick wie von Besuchern zurück gelassene Rucksäcke erscheinen, sind in ihnen unzählige individuelle Geschichten verwoben, die in ihrer Gesamtheit ein vollständig neuartigen Hybrid ergeben.

Sofia Hultén (geb. 1972 in Stockholm) lebt und arbeitet in Berlin. Ausgewählte Einzelausstellungen: Kunstverein Braunschweig (2013), Langen Foundation Neuss (2012), Galerie für Gegenwartskunst Bremen (2010), Kunstverein Nürnberg (2007), Kunstverein Göttingen (2006) und MoMA PS1 New York (2003). Gruppenausstellungen (Auswahl): Momentum – 8th Nordic Biennial of Contemporary Art, Moss, Norwegen (2015), Cesis Art Festival, Lettland (2015), Magasin 3 Stockholm Konsthall (2008/2014), Frankfurter Kunstverein (2014), Kai 10 Düsseldorf (2013), Aargauer Kunsthaus Aarau (2013), Reykjavik Arts Festival (2012), KölnSkulptur (2011), Kunsthalle Glarus (2011), Moderna Museet Stockholm (2010), Künstlerhaus Bremen (2010/2013) und Berlinische Galerie (2006).