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Der ungarische Künstler László Moholy-Nagy (1895–1946) wurde in Deutschland durch seine prägende Arbeit als Lehrer am Staatlichen Bauhaus in Weimar und Dessau von 1923 bis 1928 bekannt. Seine zukunftsweisenden Theorien über die Kunst als Versuchsfeld für neue Ausdrucksformen und deren Anwendung auf alle Bereiche des modernen Lebens wirken bis in die Gegenwart hinein. Die Retrospektive der Schirn Kunsthalle wird anhand von etwa 170 Werken – Gemälden, Fotografien und Fotogrammen, Skulpturen und Filmen sowie Bühnenbildentwürfen und Typografien – alle Werkphasen präsentieren. Zum 90-jährigen Jubiläum anlässlich der Gründung des Bauhauses wird sie damit erstmals seit der letzten großen Ausstellung in Kassel 1991 die große künstlerische Bandbreite Moholy-Nagys vor Augen führen. Einen Höhepunkt wird die Realisierung des bisher unverwirklichten, alle Theorien des Künstlers zusammenfassenden Raumkunstwerks „Raum der Gegenwart“ darstellen.

Kein anderer Lehrer am Weimarer und Dessauer Bauhaus, aber auch kaum ein anderer Künstler der an utopischen Entwürfen so reichen Epoche der 1920er-Jahre in Deutschland weist ein so breites Spektrum an Ideen und Aktivitäten auf wie Moholy-Nagy. In seinem Werk stehen Malerei und Film, Fotografie und Skulptur, Bühnenbildentwurf, Zeichnung und Fotogramm gleichwertig nebeneinander und treten kontinuierlich immer wieder auf, im Frühwerk am Bauhaus wie im Spätwerk in den USA. Sie werden abwechselnd eingesetzt, variiert und als Teile eines universellen Gesamtkonzepts wieder aufgegriffen, dessen roter Faden der wache, neugierige und unbändig experimentelle Geist des „Multimedia“-Künstlers Moholy-Nagy ist. Lange bevor das Wort „Medien-Designer“ erfunden wurde und lange bevor man von professionellem „Marketing“ sprach, arbeitete Moholy-Nagy auch in diesen Bereichen – als Vordenker neuer technischer, gestalterischer und didaktischer Instrumente. „Alle Gestaltungsgebiete des Lebens sind eng miteinander verknüpft“, schrieb er um 1925. Trotz seines Mottos „Kunst und Technik – eine Einheit“ war Moholy-Nagy aber kein unkritischer Verehrer des Maschinenzeitalters, sondern eher ein der Technik offen und aufgeschlossen gegenüberstehender Humanist. Steigerung der Lebensqualität, Vermeidung von Spezialistentum, Wissenschaft und Technik als Bereicherung und Vertiefung menschlicher Erfahrungen – so ließe sich seine künstlerische Grundhaltung zusammenfassen.

Bereits in den klassischen Künsten, Malerei und Plastik, lässt Moholy-Nagy ästhetische und konzeptionelle Radikalität erkennen. Beispielhaft stehen dafür die sogenannten „Telefonbilder“, deren Ausführung der Künstler ausschließlich per Telefon steuert: Anhand eines speziellen Millimeterpapiers und einer Farbpalette legt er Komposition und Farbigkeit der Bilder fest, um die Werke dann nach seinen telefonischen Angaben von technischen Mitarbeitern ausführen zu lassen. Neue Wege beschreitet Moholy-Nagy auch mit dem berühmten, vom Künstler als „Apparat zur Demonstration von Licht- und Bewegungserscheinungen“ konzipierten „Licht-Raum-Modulator“ von 1930, einem Gesamtkunstwerk aus Farbe, Licht und Bewegung. Im Bereich der Fotografie und des Films betritt Moholy-Nagy ebenfalls Neuland; mit seiner kameralosen Fotografie, seinen Fotogrammen und schließlich seinen abstrakten Filmen wie „Lichtspiel Schwarz-Weiß-Grau“ (1930) gilt er bis heute als einer der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Eine prägnante Zusammenfassung von Moholy-Nagys Werk zeigt die Schirn schließlich mit dem „Raum der Gegenwart“. Die Entwürfe für dieses alle Theorien des Künstlers vereinende Environment gehen bereits auf das Jahr 1930 zurück und werden nun anlässlich des Bauhaus-Jubiläums 2009 in der Schirn realisiert. In diesem Theorie- und Präsentationsraum wird der Betrachter Moholy-Nagys Innovationen im Bereich der neuen Medien, des Ausstellungsdesigns und der Lichtprojektion in verdichteter Form erleben können.

Kuratorin: Dr. Ingrid Pfeiffer

László Moholy-Nagy
Retrospektive
Kuratorin: Ingrid Pfeiffer