Augarten, Wien

TBA21 - THYSSEN-BORNEMISZA AUGARTEN | Scherzergasse 1a
A-1020 Vienna

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Wien, 15. Februar 2013) Die dritte Ausstellung in der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary–Augarten bildet den Auftakt einer längerfristigen Zusammenarbeit mit dem isländischen Künstler und Performer Ragnar Kjartansson. The Visitors präsentiert die neueste Arbeit des Künstlers, eine 9-Kanal Video-Installation, die mit großem Erfolg im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich debütierte, zusammen mit dem Video The Man (2010), einem Porträt der amerikanischen Blues-Legende Pinetop Perkins. Beide Arbeiten sind Teil der TBA21 Sammlung. 2014 folgt eine neu kommissionierte performative Produktion, die Halldór Laxness’ Roman Weltlicht (1937-1940) zum Thema hat.

Kjartanssons elegische Videokomposition The Visitors (2012) ist eine Hymne an die romantische Liebe und ihr bitteres Scheitern und eine Hommage an die Lieblingsband des Künstlers – ABBA – dessen namensgleiches Album 1981 das Ende ihrer Karriere einleitete. Das festliche Zusammentreffen einer eklektischen Gruppe von Musikern und Kjartanssons engsten Freunden in der verfallenen Rokeby Farm in Upstate New York wird zum phantasmagorischen Hintergrund für die Inszenierung einer zutiefst melancholischen musikalischen Performance. Basierend auf der Vertonung des Gedichts Feminine Ways, verfasst von Kjartanssons früherer Partnerin Ásdís Sif Gunnarsdóttir, zeigt das kinematografische Tableau die neun Protagonisten in jeweils separaten Settings den Song in einer langen, ununterbrochenen und sich im Loop wiederholenden 64-minütigen Aufnahme vortragen:

A pink rose, in the glittery frost, a diamond heart, and the orange red fire

Once again I fall into my feminine ways

You protect the world from me, as if I’m the only one who’s cruel, you have taken me, to the bitter end

Once again I fall into my feminine ways.

Rokeby Farm am Hudson River ist Teil eines Landstrichs historischer Anwesen, deren Bauten bis in die Kolonialzeit zurückgehen und vor allem Landadel, Industriemagnaten und notorische Persönlichkeiten anzogen, die dort ihre verschwenderischen Güter bauten. Unter denen, die hier ihren Landsitz errichteten, sind Frederick Vanderbilt, John Jacob Astor, Robert R. Livingston, James Roosevelt und Franklin H. Delano. The Visitors hält den ausgedehnten Moment fest, in dem die eigentümlichen Besucher das feudale Herrenhaus der Rokeby Farm mit ihrer Vorführung vereinnahmen. Angezogen vom romantischen Flair der Verwahrlosung und den exzentrischen Bewohnern des Hauses (Nachfahren der Familien Livingston und Astor) inszenieren Kjartansson und seine Gäste ein "feminines, nihilistisches Gospellied" – Kjartanssons ureigenes Genre musikalischer Widersprüche. Die neun Besucher nehmen verschiedene Innen- und Außenräume ein – das Wohnzimmer, die Küche, das Badezimmer, die Veranda – die jeweils einen Screen der Arbeit ausmachen. Jeder und jede von ihnen besetzt eine distinkte, höchst malerische Kulisse, spielt ein jeweils anderes Instrument und singt, wie zu sich selbst, die Melodie des Lieds. Nur die Synchronisation der neun Kanäle im Ausstellungsraum vereint die neun individuellen Interpretationen zu einer harmonischen Orchestrierung und zu einem räumlichen Gesamtbild.

The Man, eine Ein-Kanal Videoinstallation von 2010, nimmt einen fast einzigartigen Platz in Kjartanssons Oeuvre ein. Augenscheinlich ein Dokumentarfilm, zeigt er eine vollständige Performance des letzten Repertoires des damals 97-jährigen Blues-Musikers aus Mississippi, Pinetop Perkins, der 2011 verstarb. Perkins’ Klavier steht auf einem sonnigen Feld inmitten einer weiten Grassteppe. Der Musiker tritt ins Bild, nimmt am Klavier Platz und beginnt seine Vorstellung, ein Repertoire von Songs und gut erprobten Wortspielen und Bemerkungen, die er über Jahrzehnte perfektioniert hat. Ab und an nimmt er seinen Hut ab und trocknet den Schweiß, liefert aber ansonsten als säße er auf der Bühne und scheinbar ohne die grelle Hitze wahrzunehmen, eine perfekte "Show" ab. Durchwegs rauchend, murmelnd und sich über das schlecht gestimmte Klavier beschwerend, reißt er Witze und spielt bekannte Songs und Jingles an. Schließlich steht Perkins auf und geht aus dem Bild.

Kjartansson zitiert als Referenz für die Komposition des Videos das melancholische und enigmatische Gemälde "Christina’s World" (1948) von Andrew Wyeth. Wyeth war zur Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA enorm populär für seinen klassischen Stil und seine lokaltypischen Motive. Durch Avantgarde-Bewegungen in der amerikanischen Kunst überholt, geriet er jedoch in Vergessenheit. Ähnlich verhält es sich mit der Biografie des alternden Bluesmusikers, dessen Performance bestimmt ist durch Wiederholung, abrupten Abbrüchen, miniaturisierten musikalischen Zitaten und Echos. Das Video lässt die Unschärfe des Zeitgenössischen anklingen im Moment seiner Verwandlung in Geschichte und Vergessenheit einerseits, Nostalgie und Melancholie für diese bald verlorene Gegenwart andererseits. Die Begegnung der isländischen Inkarnation einer alten Blues-Seele und einer der ältesten musikalischen Protagonisten dieses Genres scheint – wie auch das melancholische Kammerspiel von The Visitors – die Materialisation von Roland Barthes’ Begriff des Noemas zu sein: eine Fabrikation eines permanenten Zustandes von Vergänglichkeit und Unbeständigkeit, und damit ein idealer Raum für Melancholie, Schönheit und Sehnsucht.

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Ragnar Kjartansson
The Visitors
Thyssen-Bornemisza Art Contemporary–Augarten
Ort: Atelier Augarten, Wien