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Uschi Niehaus - LOST – in – NATURE
4. Dezember 2019 bis 6. März 2020

5. Eröffnung: 3. Dezember 2019 | 19:00 Uhr
BEGRÜSSUNG Mariola Lewandowska Geschäftsführerin der Guardini Stiftung EINFÜHRUNG Frizzi Krella Kunsthistorikerin und Kuratorin, Guardini Galerie

Man schließe das Auge, man öffne, man schärfe das Ohr, und vom leisesten Hauch bis zum wildesten Geräusch, vom einfachsten Klang bis zur höchsten Zusammenstimmung, von dem heftigsten leidenschaftlichen Schrei bis zum sanftesten Worte der Vernunft ist es nur die Natur, die spricht, ihr Dasein, ihre Kraft, ihr Leben und ihre Verhältnisse offenbart, so daß ein Blinder, dem das unendlich Sichtbare versagt ist, im Hörbaren ein unendlich Lebendiges fassen kann.
Johann Wolfgang Goethe

Die Ausstellung „LOST – in – NATURE“ ist der Künstlerin Uschi Niehaus gewidmet, die im vergangenen Jahr den Ernst Barlach Preis der Barlach Gesellschaft Hamburg erhielt. Seit vier Jahrzehnten hat sie ein breites und facettenreiches malerisches und zeichnerisches Werk von größter Subtilität im Umgang mit Form und Farbe sowie Linie und Ausdruck erarbeitet. Gezeigt werden Gemälde, Zeichnungen, Foto-Übermalungen, Messerritzungen, Pigmentarbeiten und Papiers découpés. Sie gewähren einen einzigartigen Einblick in den ganzen poetisch-intellektuellen wie sinnlichen Reichtum ihres Werkes.

Ihre Bilder vereinen die Züge einer abstrakten, flächenfüllenden Malerei, die vielleicht ihre Verehrung für die Malerei Brice Mardens zum Ausdruck bringt, mit schriftzugartigen Zeichnungen, rhythmischen Kritzeleien, grafischen Kringeln, Kreisen, Schleifen, Kürzeln, Gedanken und Blüten. Daraus entwickelte sie ihr eigenes Zeichensystem und Formenvokabular, das im Laufe der Zeit immer klarer lesbar wird.

Folgt man dem Gedanken, den Brice Marden einmal formulierte, dass Abstraktion der Versuch sei, „von der Literatur wegzukommen und zur Dichtung zu gelangen“, ist man unmittelbar bei der Formensprache der Künstlerin. Für sie sind Worte „physisch gewordene Gedanken“ – ganz ähnlich ihren Partituren und Zeichnungen. In ihnen geht es immer wieder um den Zauber, die Macht, aber auch die Ohnmacht des gesprochenen Wortes, des geraunten, des gesungenen oder des gedachten, verschwiegenen Wortes. Worte sind gleichsam Bilder und haben einen eigenen Klangraum, wie auch die Musik, und ganz besonders die von Johann Sebastian Bach – ihnen spürt die Künstlerin nach.

Niehaus arbeitet an verschiedenen Bildern gleichzeitig, am Boden, an der Wand oder auf Tischen. So entstehen beim spielerischen Experimentieren auch Entdeckungen wie beispielsweise beim Eindringen der Farbe an vollgesogenen Schnittlinien von Papieren. In Folge entstanden ihre Schnittzeichnungen: IndenBirken I und II mit Acrylfarbe, Tusche, Bleistift und Messer. Übermaltes aus darunterliegenden Schichten scheint durch, erzeugt Tiefe im Raum, Erinnerungen an lichtdurchflutete Birkenhaine werden geweckt.

Auch die Fotografie spielt in ihrem Werk keine unwesentliche Rolle. Immer wieder fotografiert Niehaus aus dem fahrenden Zug, die Unschärfe der Bewegung verfremdet und überführt das Bild gleichsam in die Abstraktion. Diese Fotografien, wie auch die visuelle Erinnerung an verwischte Fensterblicke – als Durchblick in die Welt oder als deren Spiegelung – fließen in ihre malerischen Prozesse ein. Winterreise ist solch ein Fensterbild. Farben und Linien sind im Wechselspiel, Streifen um Streifen.

LOST – in – NATURE – versunken und vertieft in die Natur, aus ihr schöpfend, aus ihrem unendlichen Reichtum und gleichsam aus ihrer Flüchtigkeit entstehen im Werden und Vergehen Arbeiten, die sich in der Aneinanderreihung ihrer Titel selbst wie ein Gedicht lesen. Doch lassen diese Arbeiten, wie auch der Titel der Ausstellung, zugleich die Gefährdung dessen sichtbar werden, was wir Natur nennen. Sie werfen uns in aller Konsequenz auf unser eigenes Dasein und die Verantwortung zurück, die wir dafür übernehmen müssen. Die Ausstellung wurde kuratiert von Frizzi Krella.
Dazu liegt der Katalog LOST – in – NATURE der Künstlerin vor.